Von Aldous Huxley

Aldous Huxley begeht am 26. Juli seinen sechzigsten Geburtstag. Über sich selbst sagt er, daß er von Beruf Essayist sei, manchmal schreibe er Romane und Biographien. Er sei ein unsystematischer Denker, dessen Bücher eine Reihe von Versuchen darstellten, künstlerische Methoden zu entdecken und zu entwickeln. Zu diesen Versuchen gehört wohl auch sein vielbesprochenes Experiment mit der Rauschdroge Mescalin, das er vor kurzem an sich selbst unternahm und dessen Ergebnisse er in der kleinen Schrift „The Doors of Perception“ (Tore der Erkenntnis) beschrieb. Hatte er früher in Romanen und Essays die Schwächen unserer Zeit ironisch kritisiert und auch den Rausch und andere künstlerische Paradiese abgelehnt, so ist er jetzt auf der Suche nach einer mystischen Heillehre für die Menschen. Damit bewahrheitet sich sein Wahlspruch, den er von einer Zeichnung Goyas ableitete: „Ein alter Kauz, aber immer noch lernend.“

Grippe ist etwas ganz Abscheuliches. Doch hat sie auch ihre guten Seiten, wenigstens für manche Menschen, denn sie gewährt ihnen das sonst ganz unmögliche Vergnügen, einmal vorübergehend nicht sie selbst zu sein.

Für gewöhnlich sind wir dazu verurteilt, unentrinnbar wir selbst zu sein. Wie überdrüssig wir unserer eintönig beschränkten eigenen Persönlichkeit auch werden mögen, sie bleibt immer die unsere – oder auch umgekehrt ausgedrückt: wir bleiben immer die ihren. Wir sind eingeschlossen wie von einem Schneckengehäuse. Die Grippe öffnet vorübergehend dieses Gehäuse. Im Fieber hören wir auf, wir selbst zu sein.

Die unbehaglichen Stunden eines jüngst durchgemachten Grippeanfalls Verbrachte ich mit sorgfältiger Beobachtung und Zergliederung der geistigen Vorgänge in dieser „fremden Persönlichkeit“, zu der ich vorübergehend geworden war. Dabei habe ich viel über meine Mitmenschen gelernt. Denn der Mensch, der ich bei hoher Körpertemperatur bin, gleicht in vielem dem alltäglichen, fieberfreien Ich einer großen Klasse normaler Menschen. Dinge, die ich sonst nur von außen verstand, wurden mir während der Grippe durch lebendige Erfahrungen klar...

So zum Beispiel vollzieht sich zu gewöhnlichen Zeiten mein Denken in abstrakten Vorstellungen, denen keine visuellen Bilder anhaften. Höre ich das Wort „Kuh“, so muß ich nicht notwendig eine Kuh vor mir sehen. Steigt aber meine Temperatur um drei Grade, so verändert sich mein Denkprozeß. Ich beginne in visuellen Vorstellungen zu denken. Die Begriffe verwandeln sich in Bilder, die lebhaft vor dem inneren Auge in Erscheinung treten. Es sind bewegliche Bilder voll eigenen Lebens und fast unabhängig von meinem bewußten Willen. Jedes Bild bestimmt das nächste, und sie alle reihen sich zu einem Filmstreifen aneinander, der sich nach der privaten Logik meiner Phantasie abrollt. Im Bett liegend betrachtete ich diesen inneren Film mit belustigtem Erstaunen, das sich nach einiger Zeit in Überdruß und Ärger verwandelte. Ich hätte wer weiß was darum gegeben, aus diesem Kino meiner Phantasie zu entkommen und zu meinen unsichtbaren Abstraktionen zurückzukehren. Ich sehnte mich danach, denken zu können, ohne sehen zu müssen. Doch nun bin ich froh, diese Bilder erblickt zu haben, denn sie machen es mir möglich, den Denkvorgang der meisten meiner Mitmenschen durch persönliche Erfahrungen zu verstehen. Jawohl, der meisten.

Psychologische Forschungen haben gezeigt, daß mehr Menschen in bildlichen Vorstellungen denken, als in abstrakten Wortbegriffen. Und noch etwas bewirkte die Grippe für mich. Sie hat mich begreifen gelernt, was es bedeutet, reizbar und nervös zu sein. Sinnesempfindungen, die mir normalerweise angenehm oder gleichgültig sind, wurden im lieber zu unerträglicher Schärfe gesteigert. Ich hatte das Gefühl, jede Berührung, jeder Anblick, jeder Laut fahre mit unzähligen feinen, spitzigen Borsten über meine Nerven. Sind meine Empfindungen in der Regel glatt und kühl und berühren mich gleichsam wie poliertes Metall oder Seide, so fühlten sie sich, sobald das Fieber mich überkam, wie ein Fußabtreter an. Nach der Art und Weise, wie reizbare, nervöse Menschen sich betragen, scheint es klar zu sein, daß sie sich ihr Leben lang in einer Welt von Borsten und Fußabstreifern bewegen, daß alle Eindrücke sie kratzen und verletzen. Nachdem ich ihre Empfindungen nun durch eigene Erfahrung kannte, trat ich mit beträchtlich erhöhter Duldsamkeit für ihre Idiosynkrasien in das Stadium der Genesung ein. Menschen, die beständig in einer so unangenehmen Welt leben, wie ich sie bewohne, wenn ich die Grippe habe, muß viel verziehen werden.

Aus dem Englischen von Herberth E. Herlitschka