H. Hl.-Hamburg

Der Verein Hamburger Spediteure lud vierzehn Mädchen und zwei Jungen im Alter von 17 bis 18 Jahren, die soeben in Leipzig ihr Lehrlingsexamen an der Berufsschule, Abteilung Transport und Verkehr, bestanden haben, für einige Tage ein. Zum erstenmal kam nach mehrmonatigem Schriftwechsel der beiderseitigen amtlichen Stellen – sogar das Bundesamt für Verfassungsschutz schaltete sich ein – dieser völlig unpolitische Besuch aus der Ostzone zustande. Die Tatsache, daß bei den Besuchern die Zahl der weiblichen Speditionsanwärter überwiegt, erklärt sich auf Befragen dadurch, daß die jungen Männer der Ostzone anderwärts dringlicher benötigt werden. Außer den 16 Jugendlichen sind ein Lehrerehepaar und ein politischer Leiter mit von der Partie. Sie wohnen im Hotel, während ihre Zöglinge privat untergebracht sind bei den Familien ihrer Gastgeber. Von Politik und Ideologie, womit sie daheim in Leipzig überfüttert werden, ist nicht die Rede. Um so mehr aber von dem, was auch die Hamburger Jungen und Mädel bewegt.

Die jungen Leute fühlen sich wohl in Hamburg und machen aus ihrer Begeisterung keinen Hehl. Ob der politische Leiter ihre Begeisterung in vollem Umfang teilt, möchten wir dahingestellt sein lassen. Der krasse Unterschied zwischen Leipzig und Hamburg nicht allein in Dingen der Spedition (welche in der Ostzone längst in Form volkseigener Betriebe verstaatlicht wurde) stört möglicherweise sein Konzept, das dem Vernehmen nach eine weltanschauliche Lektion der Mängel Hamburgs gegenüber den Vorzügen Leipzigs enthalten sollte. So zeigte er sich sichtlich enttäuscht über die Tatsache, daß im Hamburger Hafen nicht, wie mit Sicherheit vermutet, westalliierte Panzerkreuzer ankern und ganze Flotten Kriegsmaterial löschen. Auch mit dem in Leipzig publizierten Mangel an Lebensmitteln hatte er in Hamburg kein Glück. Die Wurst und der Kuchen, die auf höheren Befehl von jedem der Zöglinge aus Leipzig mitgebracht werden mußten, bleiben in den Koffern. Statt dessen essen die Mädel und Jungen bisher nie gekannte Schlagsahne in Mengen und stillen ihren Appetit im „Fleetenkieker“ oder im Speiseraum des Gewerkschaftshauses, wohin sie von ihren Gastgebern eingeladen werden.