Das britisch-ägyptische Abkommen über die Räumung der Suezkanalzone hat eine weit über die Länder des Nahen und Mittleren Ostens hinausgehende Reaktion hervorgerufen. Durch das Abkommen wird die führende Stellung Ägyptens in der arabischen Liga gefestigt und die Liga als solche gestärkt, zumal die ägyptische Regierung in jüngster Zeit wiederholt erklärt hat, sie werde in allen Fragen der Verteidigung des Nahen und Mittleren Ostens keine Entscheidung ohne die vorherige Zustimmung der befreundeten Länder der arabischen Liga treffen.

Diese Stärkung der Position der arabischen Länder wird in Israel mit großer Unruhe betrachtet. Die Sorge Israels gilt weniger dem britisch-ägyptischen Abkommen selbst, als vielmehr dem amerikanischen Versprechen erhöhter wirtschaftlicher und militärischer Hilfe. Dieses Versprechen ist in einem erst jetzt bekanntgewordenen Schreiben Eisenhowers an den Staatspräsidenten, General Naguib, vom 15. Juli 1953 enthalten, in dem der Präsident Amerikas versichert, er werde „gleichzeitig“ mit dem Abschluß eines britisch-ägyptischen Abkommens über Suez dafür sorgen, daß die Vereinigten Staaten „feste Verbindlichkeiten“ für eine wirtschaftliche Hilfe an Ägypten und „für eine Stärkung seiner Streitkräfte zur Erfüllung ihrer vermehrten Verpflichtungen“, eingehen. In Übereinstimmung mit dieser Zusage empfing der amerikanische Außenminister Dulles zwei Tage nach der Unterzeichnung des Abkommens den ägyptischen Botschafter in Washington Hussein, um mit ihm das Anlaufen der wirtschaftlichen und militärischen Hilfe für Ägypten zu besprechen.

Am gleichen Tage suchte der Botschafter Israels Eban, den Leiter der Abteilung Naher Osten und Südasien im State Department, Byroade, auf, um ihm die Bestürzung seiner Regierung darüber vorzutragen, daß die Übergabe der militärischen Anlagen in der Suezkanalzone an Ägypten und die „klare Aussicht“ Ägyptens auf militärische Hilfe durch die Vereinigten Staaten das machtpolitische Gleichgewicht im Mittleren Osten beseitige. Der Botschafter erklärte –: da Israel nördlich des Suezkanals liege und ein Angriff auf den Kanal höchstwarhscheinlich von Norden her erfolge, sei es zu seiner Verteidigung notwendiger, die Streitkräfte Israels als die Ägyptens zu stärken. Wenn Ägypten militärische Hilfe erhalte, müsse sie Israel mindestens in gleicher Höhe zuteil werden.

Der mutmaßliche „Angreifer aus dem Norden“, von dem der Botschafter Israels sprach, ist die Sowjetunion, für die der Abschluß des britisch-ägyptischen Vertrages eine politische Niederlage bedeutet. Der sowjetische Botschafter Solod war schließlich bis zum letzten Augenblick bemüht gewesen, die Unterzeichnung des Abkommens zu vereiteln. Seine sofort erfolgte Rückberufung nach Moskau läßt vermuten daß der Kreml ihn wegen seines Versagens zur Verantwortung ziehen wird.

Im Gegensatz zur Sowjetunion ist Pakistan über die Einigung zwischen London und Kairo sehr befriedigt. Ein Sprecher des Außenministeriums in Karatschi erwähnte den von Ägypten und Pakistan bereits gebilligten Entwurf eines gegenseitigen Verteidigungspaktes, dessen Inhalt etwa dem türkischpakistanischen Vertrag entspricht.

Auch Indien hat in Glückwunschbotschaften des Ministerpräsidenten Nehru an den ägyptischen Ministerpräsidenten Oberstleutnant Nasser und den britischen Außenminister Eden seine Befriedigung über das Suez-Abkommen erklärt.

Der Ministerpräsident der Südafrikanischen Union, Malan, sieht allerdings in dem Glückwunsch Nehrus den Ausdruck der Befriedigung darüber, daß England als Vertreter der weißen Rasse gezwungen wurde, eine wichtige Position in Afrika aufzugeben. In einem Anfang August in der südafrikanischen Presse veröffentlichten Artikel weist Malan daraufhin, daß Nehru sich zum Führer der gesamten nicht-weißen Bevölkerung und der arabischen Staaten gemacht habe und daß seine Politik eine Bedrohung Afrikas und besonders Südafrikas sei. „Nehrus anti-koloniale Politik“, so heißt es in dem Artikel, „bedeutet für Afrika in Wirklichkeit, daß die vier europäischen Mächte – praktisch also der weiße Mann – sich aus Afrika zurückziehen müssen.“