ff., Stuttgart

Rechtsanwalt Dr. Otto Küster, bisher Staatsbeauftragter für Wiedergutmachung in Baden-Württemberg, hatte offenbar keine allzu hohe Meinung von seiner Landesregierung. Dies kam in einem Privatbrief deutlich zum Ausdruck, den er an den ihm befreundeten Bundestagsabgeordneten Professor Böhm in Frankfurt sandte und dessen Durchschlag unbeabsichtigt in die Hand des Ministerpräsidenten Gebhard Müller gelangte: Finanzminister Frank – so schrieb Küster – sei im Dritten Reich bis zuletzt Oberbürgermeister gewesen; allein die Hilfe des Justizministers Haussmann, „eines Mannes, der nur aus Taktik besteht“, habe ihn reingewaschen, und der Ministerrat würde, wenn es um die Wiedergutmachung gehe, zu einer .Waschküche von tuschelnden Weibern“. Ein Privatbrief, im Affekt geschrieben, aber da die Öffentlichkeit von ihm erfuhr, überraschte es niemanden, daß der Landtag unter dem frischen Eindruck dieser Lektüre die fristlose Entlassung des Staatsbeauftragten billigte.

Daß Otto Küster seine Aufgabe als Leiter der Wiedergutmachung, die an die dreihundert Personen beschäftigt und jährlich über zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen Mark verfügt, in hervorragender Weise erfüllte, hat auch die Regierung immer wieder bestätigt. Vieles, was er erarbeitete, wurde für die übrigen Länder vorbildlich; vor allem darf er für sich in Anspruch nehmen, geistiger Vater des konstruktiven Mißtrauensvotums zu sein, das so viel zur politischen Stabilität der Bundesrepublik beigetragen hat. Er gehörte auch zu den Anregern des Israel-Vertrages. Ein verdienstvoller Mann, tüchtig und begabt; leider auch begabt mit einer scharfen Zunge (die unter anderen den Bundesfinanzminister Schaffen vergrämte.)

Im Jahre 1948 war eine Rechtsanwaltsordnung erlassen worden, die folgenden Passus enthielt: „Wenn der Rechtsanwalt ein öffentliches Amt übernimmt oder eine Beschäftigung betreibt, von der die Landesjustizverwaltung feststellt, daß sie die Unabhängigkeit der anwaltschaftlichen Berufsausübung beeinträchtigt, so ist für die Dauer dieses Zustandes die Ausübung der anwaltschaftlichen Berufstätigkeit unzulässig.“ Küster blieb dennoch Anwalt und leitete das Kommissariat für Wiedergutmachung, das vor ihm ein Minister innehatte, nach wie vor als freier Mandatar des Staates. Man bot ihm also den Ministerialratposten an. Aber das hätte für Küster, der zuvor: bereits Ministerialdirektorenstellen des Bundes und die Kandidatur zum Bundesverfassungsrichter ausgeschlagen hatte, keinen Reiz. Er fürchtete sich vor der Abhängigkeit, die ein Beamtenverhältnis mit sich bringen könnte. Er lehnte ab, und als man ihm zum Jahresende kündigte – unter kränkenden Umständen, wie der Abgeordnete Renner im Landtag behauptete –, schrieb er jenen Privatbrief, der jetzt seine fristlose Entlassung brachte. Ob sein Ausscheiden auch den vor ihm angeregten Bemühungen um die Reform des Beamtentums ein Ende setzen wird? Das wäre bedauerlich.