Von Paul Hühnerfeld

Mit der Literatur bin ich fertig. Die halsstarrige Abneigung des großen Publikums gegen mich würde ich auch in den kommenden zehn Jahren ... kaum besiegen“, schreibt Frank Wedekind im Juli 1904 an eine Freundin. Wedekind ist damals 50 Jahre alt; 14 Jahre zuvor ist sein erstes Schauspiel „Frühlings Erwachen“ uraufgeführt worden, seine größten Werke – „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ – sind schon seit neun, beziehungsweise zwei Jahren beendet. Gewiß liegt noch einiges vor dem Dichter und Schauspieler Wedekind: so die glanzvolle Aufführung der „Büchse der Pandora“, die ein knappes Jahr später am 29. Mai 1905 Karl Krauß in Wien in die Wege leitet, mit der damals berühmten Tilly Newes als Lulu (in die sich der Dichter im Rausch der Begeisterung über einmalige schauspielerische Leistung verliebt, die er heiratet und mit der er dann eine glückliche Ehe führt), mit Adele Sandrock als Gräfin Geschwitz und unter der Regie von Albert Heine. Vor ihm liegen auch noch die Tragödien „Schloß Wetterstein“, „Franziska“ und „Simson“, die er alle in den nächsten Jahren bis zu seinem Tode im Frühjahr 1918 noch schreiben wird. Und doch hat Wedekind recht behalten, wenn er von der „halsstarrigen Ablehnung des großen Publikums ... auch für die kommenden zehn Jahre“ spricht: tatsächlich hat ihn das bürgerliche Theaterpublikum vor dem ersten Weltkrieg nicht nur nicht geliebt, sondern geradezu gehaßt, aber Wedekind vergißt zu bemerken, daß er ohne diesen Haß nicht so hätte schreiben können, wie er geschrieben hat.

36 Jahre nach seinem Tode ist der aktuelle Streit längst verebbt, mehr noch: untergegangen sind in dieser Frist auch schon die Stimmen jener Besserwisser, die damals gleich hinter der ersten Reihe der laut Lärmenden scheinbar Ruhe und Besinnung repräsentierten und die erklärten: Laßt den Streit um Wedekind nur erst abklingen, dann werdet ihr sehen, daß der Mann keine bleibende Substanz hat und bald vergessen sein wird. – Vergessen haben wir allerdings, aber nicht Wedekind, sondern jene Gescheiten. Heute wissen wir: Frank Wedekind war eine der eruptivsten dramatischen Begabungen deutscher Zunge, darin nur noch mit Georg Büchner vergleichbar. Aber wir wissen auch: Wedekinds Werk ist von einer absoluten Zeitbedingtheit. Doch wir geben gleichzeitig zu: seine Problematik, die wir nicht mehr als die unsere empfinden, ist von unserer Generation durchaus nicht gelöst, sondern beiseite geschoben worden. Wenn die Menschen menschlich bleiben (wozu ja doch einige Aussichten bestehen), dann wird sein Problem – das der wild ausbrechenden Erotik in der notwendigerweise immer irgendwie „konventionellen“ Welt – wieder unser Problem, dann wird Wedekind wieder der Dichter, den man lesen muß. Bis dahin heißt es, sein geistiges und dichterisches Erbe bewahren. Dies hat in vorzüglicher, uns alle zu Dank nötigender Weise der Verlag Albert Langen/Georg Müller in München mit drei Büchern getan:

Frank Wedekind: „Prosa, Dramen, Verse.“ Auswahl in einem Band (ausgewählt nach dem Text der Gesamtausgabe 1924 von Hansgeorg Meier, Dünndruck, 969 S., 28,80 DM);

Frank Wedekind: Selbstdarstellung. Aus Briefen und anderen persönlichen Dokumenten. Zusammengestellt von Willi Reich (96 S., 3,80 DM); Friedrich Gundolf: Frank Wedekind (64 S., 3,80 DM).

Der Mann, dessen Erbe hier so gut verwaltet wird, wurde 1864 in Hannover als Sohn eines Arztes geboren. Die Kindheit verlief für damalige Verhältnisse normal – selbst der Erzieher bestätigt den Eltern des 17jährigen 1881, daß Frank „in sittlicher Beziehung ... nie zu einer Klage Anlaß gab“. Aber schon der 25jährige reibt sich mit dem bürgerlichen Vater, und der 27jährige schreibt die skandalös-revolutionierende Kindertragödie „Frühlings Erwachen“. Es ist heute nur noch schwer vorstellbar, welche Sensation dieses Schauspiel war, das als Hauptpointe der Handlung die Verführung einer Minderjährigen durch einen Minderjährigen hatte. Zum ersten Male deutete sich der Angriffspunkt an, den sich die großen Revolutionäre gegen das Zeitalter dann ausgesucht haben und den sie von da an bis zum ersten Weltkrieg nicht mehr verlassen würden: die durch und durch verlogene Stellung der Gesellschaft zur Erotik. Daß hier eine besonders „weiche Stelle“ im System der selbstzufriedenen Gesellschaft lag, hatte Kierkegaard geahnt: aber der große Däne war zu theologisch, um daraus praktisches Kapital zu schlagen, und so konnten seine Mitbürger so tun, als ob sie ihn nicht verstünden.

Jetzt aber kam Wedekind mit einer Deutlichkeit, die man nicht mehr mißverstehen konnte. Er kam vor Heinrich und Thomas Mann, von Arthur Schnitzler und Sigmund Freud. Und auch, als diese alle ihre Angriffe schon vorgetragen, ihre großen Werke geschrieben, ihre Entdeckungen gemacht haben, bleibt Frank Wedekind weiterhin durch einen einmaligen Vorzug ihnen allen überlegen: er protestiert mit genialer Naivität, wo sie genial reflektieren. Sein Protest ist reine Herzensangelegenheit, der Protest der großen anderen intellektuelle Aufgabe. Daher kommt es auch, daß er nie genau weiß, was er eigentlich macht, daß er unschuldig bleiben kann, während er doch am unvorsichtigsten von allen angreift und sich die meisten Blößen gibt. Daher kommt es, daß er seine Bundesgenossen kaum kennt, keine Briefe mit ihnen wechselt, während sie sich alle untereinander kennen und hochschätzen. Sie erarbeiten sich mit Fleiß und Genie durch äußerste Redlichkeitdes Denkens und Empfindens ihren revolutionären Standpunkt, während Wedekind ihn von Anfang an naiv hatte. In diesem Sinne könnte der Dichter von sich selbst sagen, was er in der „Büchse der Pandora“ seine Lulu von sich sagen läßt: „Ich bin ein Wunderkind“.