Ob Hitler jetzt Angst vor der eigenen Courage bekam, ob er begriff, daß er zu hoch gespielt hatte, ob es die Ratlosigkeit des Augenblicks war, auf jeden Fall rief er um 18 Uhr 10 Generaloberst v. Brauchitsch und fragte ihn, ob der in vollem Gang befindliche Vormarsch angehalten werden könne. Brauchitsch verbarg seine Überraschung über dieses in der modernen Kriegsgeschichte ungewöhnliche Ansinnen nicht. Schließlich marschierte die deutsche Armee seit drei Stunden auf einer Frontbreite von 600 Kilometern. Wenn der Generaloberst trotzdem Hitler zusicherte, den Krieg anzuhalten, so war das eine Entscheidung, die in keinem Generalstab der Welt ihresgleichen hat.

Nur zwei Patrouillen, 24 Mann, aus der Riesenmaschine eines Millionenheeres wurden von dem Anhaltebefehl nicht mehr erreicht. Alles andere klappte lautlos. Die deutsche Armee vollbrachte eine beispiellose Leistung an Präzision und Disziplin. Der General v. Brauchitsch war in jener Stunde ein Held – auch, ja gerade – ohne Schlacht.

Für den eingeweihten Berliner Beobachter schien es, als sei Hitler am 26. August ausgepokert worden. Als Göring fragte, ob der Angriff nur vorläufig widerrufen sei, antwortete Hitler: „Nein, ich muß erst sehen, ob ich die britische Intervention verhindern kann.“ Er wollte also den Bluff weitertreiben. Als der britische Botschafter Henderson am 28. August in der Reichskanzlei erschien, drohte Hitler wieder. Als ob er sich durchschaut fühlte, fügte er hinzu: „Ich bluffe nicht, Herr Botschafter.“ Henderson antwortete: „Wir auch nicht, Herr Reichskanzler.“ Und doch blufften beide. Am 29. August beschwor Göring Hitler: „Wir wollen doch das Vabanquespiel lassen.“ Aber Hitler antwortete: „Ich habe in meinem Leben immer Vabanque gespielt.“

Angesichts einer solchen diplomatischen Haltung mußten die diplomatischen Handlungen in einem sinnlosen Chaos der Leidenschaften und Irrtümer enden. Hitler setzte sich immer mehr in den Kopf, daß England nach Abschluß des deutsch-sowjetischen Paktes nicht ernsthaft marschieren würde. London glaubte, Hitler mit dem Garantiepakt an Polen aus dem Spiel geblufft zu haben. Lipski, Polens Botschafter, argumentierte gegen den englischen Geschäftsträger Forbes: „Ich bin davon überzeugt, daß im Falle eines Krieges (in Deutschland) Unruhen ausbrechen und die polnischen Truppen erfolgreich gegen Berlin marschieren werden.“ Welch ein grotesker Irrtum. Und Irrtümer überall.

Nur einer irrte sich nicht. Vorerst jedenfalls noch nicht. Das war Josef Stalin. Sein Beitrag zum Krieg, nämlich der deutsch-sowjetische Pakt vom 23. August 1939, war wohl der entscheidendste Faktor. Ohne diesen Pakt hätte die seit Bismarcks Wirken im Volksbewußtsein so lebendige und im ersten Weltkrieg so erwiesenermaßen tödliche Gefahr eines Zweifrontenkrieges auch von Hitler nicht ignoriert werden können. –

Man stellt den deutsch-sowjetischen Pakt gern als Hitlers große diabolische Leistung hin. Das ist eine Verkennung der Tatsachen und der historischen Hintergründe. Wer die Vorgeschichte und das Zustandekommen dieses Paktes wirklich studiert, muß zu der Einsicht gelangen, daß nicht Hitler, sondern Stalin der Initiator war. Für ihn war dieser Pakt die richtig kalkulierte Beihilfe zum Ausbruch eines „selbstzerfleischenden Krieges der kapitalistischen Welt“. Und so kam es.

Man sollte sich alle diese Ereignisse in diesen Tagen vor Augen halten; denn sie festigen die Erkenntnis, daß moderne Kriege nicht nur aus dem bösen Willen einzelner entstehen, sondern ebenso das Produkt der politischen Mittelmäßigkeit gegenüber großen Problemen sein können. Vor allem aber haben sie ihre Wurzeln in den Sümpfen der Macht, und die finden reiche Nahrung in den Leidenschaften der Fanatiker und in den Irrtümern der Verblendeten. P.C.Holm