Die große Anteilnahme, die die englische Krönungsfeier in Deutschland fand, die Aufmerksamkeit, die man jetzt der „Agamemnon“-Reise einer Anzahl gekrönter oder ehemals gekrönter Häupter zuwendet, die Anstrengungen der mit den Wünschen ihrer Leser wohl einigermaßen vertrauten Illustrierten, historische oder aktuelle Vorgänge in Königshäusern, oft bis in die Intimitäten, darzustellen – das alles kann sicherlich nicht nur auf Neugier, Sensationslust und Sentimalität zurückzuführen sein. Hier liegt offenkundig ein tieferes, ein positives Interesse vor. Die Republikaner aller Richtungen werden sich damit abfinden müssen. Aber worauf beruht dieses Interesse?

Es wäre eine allzu billige Erklärung, wollte man nur die Sehnsucht nach der guten alten Zeit darin erkennen, in dem Sinne, wie sie uns alle immer durchs Leben begleitet. Diese Sehnsucht ist vor allem Sehnsucht nach uns selbst, wie wir in unserer Jugend, in unserer Kindheit waren, und nach dem Wohlbehagen, das wir damals empfanden und das im Gegensatz zu vielen bösen und verzweifelten Erfahrungen in unserem Gedächtnis haften geblieben ist. Bei der jetzt häufig sichtbaren Sympathie für die Monarchie handelt es sich um etwas anderes, Konkreteres. Am besten gibt uns der Zeitpunkt, in dem sie auftritt, eine Erklärung. Die Belebung des monarchistischen Interesses fällt in die Zeit nach dem Zusammenbruch von .1945. Man kann daraus mit ziemlicher Sicherheit schließen, daß sie eine der Reaktionen auf die politische Praxis des Nationalsozialismus ist. Es scheint sich somit – meistens wahrscheinlich unbewußt – hier die Sehnsucht nach einem Staat kundzugeben, der nicht moralisch entartet, noch von der moralischen Entartung bedroht ist.

Dieser Staat ist für viele, die die Zeit vor 1914 noch aus eigener Erfahrung oder aus der Überlieferung in der Familie kennen, die Monarchie. Wahrscheinlich nicht nur in Deutschland. In Triest zum Beispiel, das ehemals ein Zentrum der italienischen Irredenta war, konnte ein populärer Schauspieler, als die Monarchie schon besiegt und Triest längst zu Italien gekommen war, beim fünften oder sechsten Vorhang in der Maske des Kaisers Franz Joseph auf die Bühne kommen und den Zuschauern in einem Beifallssturm zurufen: „Das könnt euch so passen!“ Und man darf annehmen, daß all die Tschechen, Ungarn, Slowaken, Slowenen, Serben, Rumänen und Polen, die im alten Österreich-Ungarn erbittert gegen die Habsburger gekämpft haben, heute den Kaiser mit einem Seufzer der Erleichterung zurücknehmen würden, wenn er ihnen präsentiert würde. Bei ihnen hat der Kommunismus den Lehrmeister gespielt wie in Deutschland der Nationalsozialismus.

Unter diesen Umständen liegt die Frage nahe, ob diese rückblickende Sehnsucht nach der Monarchie, die manche Menschen bewegt, einem historischen Sinn hat. Wer heute von der Monarchie spricht, meint nicht so sehr einen abstrakten staatsrechtlichen Begriff – er meint die Zeit um 1900, und zwar weiter sich des damaligen Gefühls ökonomischer und politischer Sicherheit und der ruhigen Ausgewogenheit zwischen Mensch und Staat erinnert. Leider täuscht er sich, wenn er dies für wiederherstellbare Eigenschaften der Monarchie hält.

Die Staaten Wilhelms II. und Franz Josephs I. waren ihrem ganzen Inhalt nach ebensolche – wenn auch nicht so weit entwickelte – bürokratische Staaten, wie unser heutiger und wie jeder Staat in Europa, seit in einem langen geschichtlichen Prozeß der Bürokratismus, am sichtbarsten im Frankreich Ludwigs XIV., den Feudalismus abgelöst hatte, „wobei aus der Feudalhierarchie eine bezahlte Bürokratie und aus dem Heer der Barone und Vasallen ein bezahltes stehendes Heer“ geworden war. Seither hängt die Qualität dieses Staates der Bürokraten oder „Funktionäre“, wie man heute meist sagt, nach Leistung und Moral ganz wesentlich von der Qualität des Funktionärkörpers ab. Diese Funktionäre kamen – nach dem Gesetz, daß jede neue politische Ordnung auf den Überresten der vorgehenden aufbauen muß (Mosca) – zuerst vornehmlich aus dem Adel und der Geistlichkeit, später immer mehr aus der – im 18. Jahrhundert sich zum Träger der Bildung entwickelnden Mittelschicht, die in der französischen Revolution radikal zur Macht durchbrach, die ihr allerdings im Laufe einiger Jahrzehnte auch kampflos hätte zufallen müssen. Die Mittelschicht, deren repräsentative Herrschaftsform die Demokratie ist, bestimmt auch heute noch das Gesicht unseres Staates. Zu Beginn unseres Jahrhunderts war sie aber in einer viel besseren moralischen und materiellen Verfassung als heute. Das übertrug sich auf den damaligen Staat, der keineswegs die Charakterzüge eines Monarchen, sondern die seiner Bürokratenschicht trug, die den „anständigen Staat“ des Jahre 1914 machte, und der daher die Sympathie zukommt, die sich heute aus dem Unterbewußtsein vieler Menschen heraus der Monarchie zuwendet. Es ergibt sich daraus, daß die damalige Staatsmoralität nicht durch Wiedereinsetzung eines Monarchen, sondern durch eine Remoralisierung der Mittelschicht und des sich aus ihr rekrutierenden „Funktionskörpers“ erreicht werden könnte.

So gesehen hat daher die Sehnsucht nach der Monarchie historisch keinen Sinn. Wäre gleichwohl die Wiederherstellung der Monarchie politisch möglich? Hier muß man sich einigermaßen auf die Spekulation einlassen.

Der Kern des monarchischen Systems ist die Erblichkeit der obersten staatlichen Funktion, weil andernfalls der Monarch nur Präsident, Diktator oder Führer sein könnte. Hierin liegt auch einer der wichtigsten Werte der Monarchie, die den Machtkampf an der Spitze aufhebt und ihn auf die zweiten, dritten und niedrigeren Funktionen verweist. Die Erblichkeit der Spitzenfunktion im Staat dürfte sich aber nur sehr schwer einführen lassen, wenn sie nicht auf ein Glaubensfundament, und zwar auf ein religiöses, gestellt werden kann. Sie wird nämlich vom Volk nur geduldet, wenn sie für gottgewollt genommen wird. Es wäre aber eine Illusion, anzunehmen, daß im jetzigen Stadium der Säkularisierung eine solche Grundlage errichtet werden könnte. Darum ist es so gut wie sicher, daß die Monarchie schon an der Frage der Legitimität scheitern würde, für die nicht nur die sichere Zugehörigkeit zu einer, bestimmten Familie, zum Beispiel Hohenzollern, Habsburg, Wittelsbach, sondern außerdem die Legitimation der betreffenden Familie durch Gott gehört. Wie soll sie im Zeitalter des atheistischen Rationalismus gefunden, wie soll sie selbst echten Christen glaubhaft gemacht werden?