Wenn Georges Duhamel ein neues Buch schreibt wie seinen

Professor Patrice Périot (im Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg, 13,80 DM).

so erwartet man viel. Werden unsere Erwartungen erfüllt? Ich fürchte nein.

Nicht, daß man Duhamels Können vermißte. Im Gegenteil, die Gestalt dieses großen alternden Gelehrten und Forschers ist mit aller Meisterlichkeit gezeichnet und das Rahmenwerk der anderen Figuren mit unübertrefflich sicherem Stift hingesetzt. Und doch fehlt etwas. Dieser Professor Périot lebt nicht. Es beschleicht einen das gleiche Gefühl wie bei manchem Alterswerk des großen Hamsun, in dem er versucht, dem Leben mit der Einsicht des Weisen noch einmal zum Blutumlauf zu verhelfen. Aber es pulst nicht! Der Mensch Périot bleibt ein Schemen und die Wandlung, die er durchmacht, ist zu durchdacht.

Die Geschichte, die Duhamel uns erzählt, hat gewiß für ihn, den Arzt, der mit den Jahren zum Schriftsteller und Dichter wurde, ihren eigenen persönlichen Reiz. Der Biologe Prof. Périot muß auf der Höhe seiner ruhmreichen Laufbahn zu der Einsicht gelangen, daß alle Mittel exakter Erkenntnis vor dem großen Geheimnis des Lebens unzulänglich bleiben. Ach, sie versagen sogar im banalen Alltag, denn in seiner großherzigen, weltfremden Naivität wird der Gelehrté von politischen Parteien mißbraucht, und im Kreise seiner Kinder, die ihn wie ein gut assortiertes, etwas vorlautes Bukett von Weltanschauungen umgeben, fühlt er sich unsicher, kaum ernst genommen und als der ständig Gemaßregelte.

Nein, er hat kein echtes Gefühlsverhältnis mehr zum Leben, hat es vielleicht nie gehabt. Daher fährt auch die Nachricht vom Selbstmord eines seiner Söhne wie ein Blitz auf ihn herab, und im jähen Übermaß väterlichen Schuldgefühls will er gleichfalls sein Leben enden. In dieser Stunde (der einzigen wirklich erschütternden) rettet ihn die kindliche Gläubigkeit seines Jüngsten, des „kleinen Heiligen“, der unerwartet in sein Arbeitszimmer tritt. „Man muß die Vernunft und das Mysterium wieder miteinander versöhnen“, sagt Thierry, und der Alternde beugt vor dieser Weisheit sein Haupt. Das wäregewißein schöner Ausklang, wenn nicht das Empfinden bliebe: es ist nur noch ein Stückchen Müdigkeit. Es war kein eigener Impuls mehr in dieser an ihm vollzogenen Wandlung.

Und wie ist es mit dem zweiten neuen Roman Duhamels, der ebenfalls jetzt erst ins Deutsche übertragen wurde?