Von Kyra Stromberg

An einem Freitag, dem 22. Juli eines Jahres der unmittelbaren Gegenwart, um 14 Uhr 30, bricht vor einem Geschäftshaus in New York ein Mann, tot zusammen. Vierundzwanzig Stunden und 368 Seiten später endet der Bericht von den Folgen dieses Todes. Es handelt sich um keinen Mord, sondern um einen ganz ‚normalen‘, wenn auch keinen ganz gewöhnlichen Toten. Der Mann starb, wie wir heute sagen würden, den Managertod. Dennoch ist der Bericht von der ersten bis fast zur letzten Seite spannend wie ein Kriminalfall.

Der Tote ist Avery Bullard, ein Geschäftsmann, ein Unternehmer. Einer der ‚Großen‘, deren Name die Anonymität von Aktiengesellschaften überstrahlt. Ein Herrscher. Einer jener illegitimen Erben feudalistischer Rangvorstellungen, die aus der Alten Welt in die Neue eingeschleppt wurden und hier auf eigene Weise gediehen. Nun geht es um die ‚Thronfolge‘. Der Tod auf der Straße erfolgt so unerwartet, daß der künftige Regent nicht vorausbestimmt ist. Eine merkwürdige Lücke im haargenauen Kalkül des Geschäftslebens. Im Laufe der vierundzwanzig Stunden, die diesem Tode folgen, enthüllen sich, vor- und zurücktretend in geheimen Plänen, Spekulationen und Intrigen, die Charaktere der Anwärter, aber auch ihr Herkommen, ihre Karriere, ihre Ambitionen, ihre häuslichen Verhältnisse. Dann wieder richtet der Autor unser Auge auf die Entfernung des Vergangenen: die frühe Gründerzeit der Stadt Milburgh taucht hinter der modernen Geschäftsfassade auf. Eine glänzende Methode, das ,Amerikanische’ aus seiner heutigen Fixiertheit zu lösen und uns die gar nicht so weit zurückreichenden Wurzeln seines Wesens und seiner besonderen Leistung deutlich zu machen: Seine handfeste Tüchtigkeit und seine Neigung zum Exzentrischen, seine nachbarliche Herzlichkeit bei nüchternster Berechnung. Wir erleben den Schwindel mit, der die aus Raumenge und wirtschaftlicher Bedrängnis Kommenden angesichts der Möglichkeiten eines unerschöpften Kontinents, erfaßte und der sie nie mehr ganz loslassen wird. – Dies alles geschieht in dem Buch von

Cameron Hawley, „Sie fragten ihre Frauen Roman. (Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg, 372 S., 13,80 DM).

Der deutsche Titel kann nur hintergründig gemeint sein. Denn sie, die Könige und Vizekönige, die Männer der gewaltigen Leistung und des harten Geschäfts, sie fragen ihre Frauen eigentlich nicht. Sie sagen ihnen auch nicht viel. Aber sie bekommen doch die Antwort von ihnen: so oder so Die einen laufen davon, die anderen nehmen es von der bequemen Seite, die dritten dulden ängstlich und besorgt oder warten, warten, warten. Nicht die Männer, sondern das Schicksal fragt die Frauen. Die Frage ist alt, aber nur scheinbar abgelebt: ob es nämlich für die Frau eine Gemeinsamkeit mit dem schaffenden Manne’ gibt, ob sie je in jene männliche Sonderwelt aus Machtstreben, Leistungswillen, Schaffensdrang und Schöpfertum eindringen wird. Wir sind heute eher gewöhnt, das männlich-weibliche Verhältnis anders zu ventilieren und zu fragen, ob nicht der selbständige Schritt der Frauen in die Arbeitswelt die Partnerschaft mit dem Mann gefährdet? Es ist ein anderer Aspekt der gleichen Frage.

Die Frage bleibt im Hintergrund, aber sie wird mit aller Entschiedenheit verneint. „Sie werden ihn nie vollkommen verstehen“, sagt eine der Frauen zu einer anderen, „um so besser für Ihr Glück – und für das seine!“

Die Technik, in der Cameron Hawley die erregenden vierundzwanzig Stunden der Entscheidung ablaufen läßt, ist nicht unbedingt neu, aber sie wird mit besonderem Geschick geübt. Jeder der Männer der „Nachfolge“ erhält – auch in der unbefangenen Teilnahme des Lesers – seine Chance. Aus einer ganz bestimmten den Mann kennzeichnenden Situation wird auf die Vergangenheit zurückgeblendet und am bereits vorliegenden Lebensstoff das Typische des jetzigen Verhaltens nachgewiesen. Das geschieht ohne spürbare Voreingenommenheit – der Leser erwägt zunächst ehrlich die Wahl des einen oder des anderen. Es ist auch mehr als eine Reihe geschickter soziologischer Studien. Es entstehen so männliche Porträts von großer Eindringlichkeit. Aber es ist doch nicht in erster Linie ihre Individualität, die fesselt. Es ist der Umkreis, das „Milieu“, das bei, gleichem Lebensatem so unterschiedliche Gestalten ausbilden kann wie diese sechs Männer, die zu erbittertem Ringen um die Nachfolge des „Herrschers“ antreten: der ehrgeizige „schlaue Fuchs dürftiger Herkunft“, der „gentleman“ aus der Geschäftsaristokratie der Stadt, der beredte Vertreter mit seiner etwas leeren Bonhomie, der im Dienst ergraute unbedeutendere Treue, der tüchtige Techniker und unbekümmerte „Yankee“ und schließlich, immer unverkennbarer, der geheime „Dauphin“.