Der Deutsche Bauerntag, der in diesem Jahre gemeinsam mit dem Landjugendtag und dem Landfrauentag; in Stuttgart abgehalten wurde, wählte an Stelle seines bisherigen verdienstvollen Präsidenten Dr. Andreas Hermes, der seinem Lebenswerk als Ehrenpräsident erhalten bleibt, ein Präsidentenkollegium. Ihm gehören an: Dr. Fridolin Rothermel, Präsident des Bayerischen Bauernverbandes, Edmund. Rehwinkel, Präsident des Niedersächsischen Landvolkes, und Bernhard Bauknecht, Präsident des Bauernverbandes Württemberg-Hohenzollern. Der Bauerntag beschäftigte sich besonders eingehend mit der menschlichen Seite unseres Bauerntums, ja, man kann sagen, daß das Thema der Persönlichkeitsbildung neben der fachlichen Seite zu einem der Kernpunkte dieses Treffens wurde. Wir glauben, daß die (nachstehend auszugsweise veröffentlichten) Ausführungen, die Prof. Dr. Georg Raederscheidt dazu machte, in allen Kreisen unserer Leserschaft gebührende Beachtung finden werden.

Persönlichkeit ist eine erstrebenswerte menschliche Qualität. Sie ist ein Wert, vielleicht der höchste, den der Mensch in seiner Selbstbildung erstreben kann. Goethe hat es ausgesprochen, wenn er sagte, höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit. Auch im Bauerntum hat es stets Persönlichkeiten von Format und Weitblick gegeben. Aber sie waren doch letztlich aus der Enge eines Lebenskreises, der mit der Arbeitswelt zusammenfällt, geprägt. Persönlichkeit wirkt sich aber nach allen Seiten menschlichen Zusammenlebens aus.

Bundesminister Lübcke hat von einer Bildungslücke gesprochen, die im Landvolk ausgefüllt werden muß, damit seine Menschen die Leistungen vollbringen können, die in der Zukunft erwartet werden müssen. Die Persönlichkeit, die die Landwirtschaft, das Bauerntum, stellen muß, ist zwar zunächst an die Welt gebunden, von der sie ein Teil ist. Sie muß aber auch weltoffen sein für die Entwicklung, die sich in der nichtbäuerlichen Welt vollzieht.

Überraschend schnell und erfolgreich hat sich die Landwirtschaft der technischen Fortschritte bemächtigt, die Arbeitskräfte ersparen und die Arbeit erleichtern. Von hier und von der betriebswirtschaftlichen Seite her gesehen, der das Kalkulieren und Berechnen eigen ist, ist die Landwirtschaft modern gestaltet. Aber das betrifft nur eine Seite des Menschen: seine Klugheit, den Verstand und den Intellekt. Der ganze bäuerliche Mensch ist der kommenden Zeit noch nicht zugewandt. Wo er es vor Jahren tat, trat die oft stillose Verstädterung ein, die nach außen vortäuschte, was nicht zur Lebenssituation als Ganzem paßte.

Nun kann es nicht so sein, daß sich das Bauerntum und die Landwirtschaft einfach willkürlich ein neues Kleid gibt. Es würde dann wesentliches an echtem Menschentum und Kultur des Landes und auch die Geschlossenheit des Bauernstandes verlorengehen. Es muß schon eine Persönlichkeitsformung Platz greifen, die dem Wesen des bäuerlichen Ethos entspricht. Ein Volk braucht, um als Volkskörper gesund zu sein, der beharrenden wie der dynamischen Volkskräfte seiner Glieder. Der Bauer, bodengebunden, verwurzelt, an organischem Leben sich abmühend, an den Rhythmus der Jahreszeiten gebunden, wird zum Menschentyp eigenartiger Gestalt geprägt. Er verkörpert das konservative Element des Volkes. Die Abhängigkeit von Gewalten, die unberechenbar sind, wie Wind und Wetter, machen ihn fromm und gläubig. Freiheit und Bindung spiegeln sich in seiner Vorstellungswelt wider. Demgegenüber ist die Mehrzahl der anderen Berufe unabhängig von natürlichen Bindungen, frei in der Wahl des Arbeitsplatzes, in anderen, gelockerten sozialen Verhältnissen. Lebens- und Arbeitswelt fallen nicht zusammen. Die Persönlichkeit, die der Landwirtschaft und dem Bauerntum gemäß ist, hat ein anderes Aussehen.

So genügt für die junge bäuerliche Generation die normale, technisch-betriebswirtschaftliche Ausbildung auf entsprechenden Fachschulen nicht; ein besseres Wissen und praktisches Können schaffen keineswegs notwendige Eigenschaften des künftigen Bauern. Er muß in seiner menschlichen Qualität gefördert und bereichert werden. Die Landjugend hat, nüchtern wie sie ist, gespürt, daß sich ein neuer Lebensstil in der Welt um sie herausbildet. Das erste, was sie tat, war, daß sie sich zusammenschloß mit solchen, die in gleicher Situation lebten. Sie hat sich in ihren Gruppen und Bünden zusammengefunden. Aber das kann nicht das letzte Ziel sein, wenn auch hier altes und neues Leben, wie es sich in diesen geistigen Bezirken findet, erlebt werden kann. Man muß schon tiefer graben. Und so entstanden Helfer: es sind die Bauernschulen, Landvolkhochschulen mit Heimen, die nun das Fehlende, das Mehr, das zur Persönlichkeitsbildung erforderlich ist, zu bieten versuchen.

Bewußt gehen diese Schulen andere Wege. Sie sehen ab von fachlicher Weiterbildung, sie klären diese höchstens. Ihr Anliegen, wenn sie recht arbeiten, ist, aufzurütteln, wach zu machen, in das Menschliche sehen und eine neue Mitte des geistigen bäuerlichen Menschen zu schaffen. Persönlichkeit entzündet sich an Persönlichkeit wie Leben an Leben, und so wird in dieser: Schulen von Persönlichkeiten der Versuch gemacht, vom konkreten bäuerlichen Leben aus das Alltagsgeschehen einsichtig zu machen, zu zeigen, wie sich ein Charakter entfalten, bewähren und wie er sich auswirken kann, in dem, was einmal an den einzelnen im bäuerlichen Leben herantreten kann. So wird Persönlichkeitsstreben angeregt und jene Haltung, die das Wesen einer Persönlichkeit ausmacht. Das ist: Zuverlässigkeit der Gesinnung und durch Überzeugung gewonnenes Urteil, das bei aller Toleranz menschlicher Schwäche gegenüber fest bleibt in seinen Grundanschauungen.