Die westdeutsche Wirtschaft befindet sich auch im Herbst 1954 im Rahmen der internationalen Konjunktur, sozusagen in der Spitzenposition. Sie steht eindeutig in einem verhältnismäßig starken Aufschwung. Nach den vierteljährlichen Ergebnissen der sog. Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ergab sich – nach den Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung – für das zweite Vierteljahr 1954 ein Zuwachs des realen Bruttosozialprodukts gegenüber dem entsprechenden Vierteljahr 1953 von rund 7 v. H., was einschließlich der Einfuhr eine Zunahme des verfügbaren Güterstromes von rund 9 v. H. bedeutet. Allen Anzeichen über den anhaltenden Aufschwung im Herbst nach kann man im Durchschnitt des laufenden Jahres gegenüber dem Vorjahr wieder mit einem bedeutenden Zuwachs des Sozialprodukts in Höhe von 7 bis 8 v. H. rechnen. Die Indexzahl für die industrielle Produktion für August, die (1936 = 100) bei 171 liegt, ist um rund 10 v. H. höher als die Zahl für August 1953 (156) und bestätigt – mit allen anderen Indizien – die Tatsache der unvermindert anhaltenden, ja, sich vermutlich weiter verbreiternden Belebung. Westdeutschland hat im Herbst 1954 die Vollbeschäftigung erreicht, ohne daß die Konjunktur, etwa in den Preistendenzen, Anzeichen hektischer Übersteigerung zeigt.

Aber auch in der Konjunkturpolitik hält Westdeutschland eindeutig eine gewisse Spitzenposition. In seinen Bemühungen um die Befreiung des internationalen Austausches zwecks Weckung aller weltwirtschaftlich kunjunkturstützenden Kräfte, die zweifellos in einem freien internationalen Warenaustausch liegen, wird es zur Zeit von keinem anderen Land übertroffen. So macht es nicht nur laufend auf dem Wege zur Einführung der Konvertibilität die stärksten Fortschritte, es ist gegenwärtig auch – international gesehen – die stärkste treibende Kraft in Richtung auf eine allgemeine Konvertibilität, und zwar so sehr, daß es neuerdings beinahe in einer etwas vereinsamten Sonderposition steht. In dem Augenblick, in dem überall wieder stärkere restriktive Kräfte am Weltmarkt sichtbar werden – ganz offensichtlich in Auswirkung der amerikanischen "recession" 1953/54, die eben doch für den Weltmarkt nicht ohne Folgen blieb –, ist diese Widerstandsposition gegen eine konjunkturell bedenkliche Entwicklung am Weltmarkt doppelt bemerkenswert.

Diese Position ist allerdings zum großen Teil die Folge einer gewissen konjunkturellen Sonderentwicklung der westdeutschen Wirtschaft in den letzten Jahren. Die 1950/51 während der damaligen deutschen Zahlungsbilanzkrise aufgezwungene kreditäre Restriktionspolitik, die besonders starken Produktivitätsfortschritte in Deutschland, die mit dem ersten Faktor zusammen allmählich eine beachtliche Distanz zu dem oft spürbar höheren Preisniveau im Ausland erzeugten, und die Weltkonjunkturen bedingte Entwicklung der "terms of trade" zugunsten Deutschlands u. ä. m., haben der Bundesrepublik eine exzeptionelle Exportsituation geschenkt, die zu der durch zunehmenden Konkurrenzdruck gekennzeichneten, bereits etwas verkrampften Situation am Weltmarkt in einem gewissen Widerspruch steht. Diese Exportentwicklung ist aber die Grundlage der – durch anhaltende Überschüsse gekennzeichneten – günstigen Situation der öffentlichen Finanzen, der anhaltenden Entspannung des Geld- und mehr und mehr auch des Kapitalmarktes und der neuen Belebung der internen Investitionstätigkeit, also alles in allem der ausgezeichneten deutschen Konjunktur innen und außen.

So richtig und wichtig es ist, daß auf dieser Grundlage Westdeutschland heute der Vorkämpfer für die Befreiung der Weltmärkte von einengenden Bindungen ist, so richtig und wichtig ist es ebenfalls, daß die konjunkturell-marktwirtschaftlichen Kräfte, die in der gegenwärtigen westdeutschen Situation enthalten sind, schließlich auch ungehindert zum Zuge kommen. Nach allen alten Regeln des Marktgeschehens muß sich eine international derart günstige Sonderposition in einer allmählich verstärkten Belebung des Binnenmarktes auswirken, die – über einem Anstieg der Binneninvestitionen und somit vor allem des Binnenkonsums – die Einfuhr erhöht und damit den Absatz anderer Länder an uns erweitert. Würde dies administrativ verhindert werden, so wäre der Ruf nach der Weltmarktbefreiung in einer augenblicklich so günstigen eigenen Position doch nur ein bedenklicher Lippendienst. In Wirklichkeit laufen jedoch die marktmäßigen Reaktionen bereits in der sachlich "richtigen" Richtung: die Binneninvestitionen beleben sich, der Kapitalzins gleitet weiter ab und zieht neue Investitionsvorhaben in den Rentabilitätsbereich. Die Sorge vor einem "Mißverhältnis" von Anlagewerten, Eigenkapital und Fremdfinanzierung, die gelegentlich als Hemmung weiterer Investiticnsbelebung genannt wird, kann in einer solchen Situation kaum mehr durch die Steigerung der Selbstfinanzierung (Eigenmittel), aber schließlich sehr einfach über die Vermehrung des Eigenkapitals auf dem Wege der Aktienemissionen erreicht werden. Deswegen ist das baldige "Durchziehen" der Zinssenkung am Kapitalmarkt so wichtig. Der Binnenkonsum ferner dürfte ab Herbst dieses Jahres doch wieder merklich zu wachsen beginnen. Die – insgesamt bis jetzt keineswegs übermäßig starken – Lohnsteigerungen gehören ganz in dieses Bild der "richtigen" konjunkturellen Reaktionen. Ob allerdings die Finanzpolitik rechtzeitig einsieht, daß die Zeiten des konjunkturpolitisch relativ gefahrlosen Abschöpfens von Überschußmitteln in die Kassen des Staates bald vorbei sein dürften und auch vorbei sein müssen, ist weniger sicher.

Es bleibt jedoch offen, ob eine derartige "richtige", durch administrative Maßnahmen nicht verzögerte, sondern eher noch erleichterte, konjunkturelle Reaktion der Bundesrepublik – neben weiterem deutschen Drängen auf Befreiung des Welthandels von administrativen, währungspolitischen und handelspolitischen Hemmungen – die Entwicklung am Weltmarkt, die im Zeichen der verzögerten Konvertibilität zur Zeit eher wieder gewissen neuen Restriktionen zuneigt, noch aufzuhalten vermag. Doch wird wohl selbst cann, wenn dies kaum mehr zu erwarten wäre, der bessere Weg vermutlich auch im Endresultat immer noch der erfolgreichere bleiben.