Es dürfte fraglich sein, ob man jemals die volle Wahrheit erfahren und hören wird, warum der Kapitän der deutschen Weltmeister-Fußballelf und Ehrenspielführer des Deutschen Fußball-Bundes, Fritz Walter, sich so plötzlich entschlossen hat, nie mehr in der westdeutschen Nationalmannschaft zu spielen. Seine von dem Präsidium des DFB nicht gerne gesehenen Filmpläne sind gewiß nicht allein die Veranlassung zu seinem Rücktritt gewesen, denn kein vernünftiger Mensch kann Fritz Walter die Absicht verargen, nach seinen wundervollen sportlichen Erfolgen nun auch einmal im Film nach dem großen Glück zu haschen. Das ist seine ureigene Angelegenheit, zumal er ja ein Vertragsspieler, also ein Berufssportler ist, für den die sehr strengen olympischen Amateurbestimmungen in bezug auf die Verquickung von Sport und Geschäft nicht gelten.

So muß man ihm also doch wohl schon Glauben schenken, wenn er sagt, daß seine Nerven nicht mehr den Anstrengungen und Aufregungen gewachsen sind, die derartig schwere Spiele wie Weltmeisterbegegnungen mit sich bringen. Vergessen wir doch nicht, daß er tatsächlich ein äußerst empfindlicher Mensch und labiler Charakter ist, der sich nicht aus reinem Vergnügen nach der sehr bösen Niederlage gegen Frankreich vor zwei Jahren in ein völlig verdunkeltes Zimmer zurückzog und seinen Kummer und seinen Schmerz bitter trug. Dabei besagte eine Niederlage unserer Repräsentativelf damals so gut wie gar nichts gegenüber dem Heute, wo es schließlich um den guten Ruf des Weltmeisters geht und ein Spielverlust zumeist eine Blamage bedeutet. Das alles scheint sich Fritz Walter sehr genau überlegt zu haben, und wir sollten uns eigentlich freuen, daß es denkende Menschen auch bei diesem Sport gibt.

Wobei es uns allerdings auch nicht überraschen würde, wenn wir plötzlich zu hören bekämen, Fritz Walter habe sich die Sache doch noch einmal anders überlegt und werde auch künftig unsere Weltmeisterelf in ihren Treffen anführen. Beim Fußball ist schließlich alles möglich.

Denn wir möchten nicht annehmen, daß man nicht doch noch einmal einen Versuch unternehmen wird, den müde gewordenen Ehrenspielführer umzustimmen. Ohne ihn scheint es ja nun tatsächlich nicht zu gehen. Wir werden es vielleicht bald wieder erleben, wenn am 16. Oktober die Franzosen gegen die deutsche Mannschaft in Hannover antreten werden. Herberger, der Bundestrainer, hat das größte Interesse daran, Fritz Walter trotz seiner augenblicklichen Depression noch ein Weilchen als Spielführer arbeiten zu sehen. Natürlich kann man auch dem Bundestrainer keinen Vorwurf aus seinem Verhalten machen. Daß er sich nicht gerade für die Filmspielerei begeistern kann, ist durchaus zu verstehen. Derartige Extravaganzen wirken sich nun einmal nicht günstig auf die Mannschaft und ihren Geist aus.

Der Führung des Fußball-Bundes aber kann man einen kleinen Vorwurf nicht ersparen. Sie hat im Falle Fritz Walters die unwahrscheinlichsten Erklärungen abgegeben, anstatt die interessierte Öffentlichkeit genau über die Absichten und Entschlüsse aller beteiligten Parteien aufzuklären. Denn ganz aus heiterem Himmel ist bestimmt das alles nicht gekommen, was heute nun die deutschen Sportler, und insbesondere die vielen Fußballfreunde, erregt. Eines steht allerdings fest: es ist zumindest außerordentlich ungeschickt von allen gehandelt worden, wobei einem besonders die mysteriöse Geschichte mit den ärztlichen Attesten unangenehm auffällt. War das nötig?

So kann man diesen betrüblichen "Fall Fritz Walter" nur mit der Hoffnung ad acta legen, der Hauptakteur möge keine Enttäuschung erleben und sich nach einem erfolgreichen und goldgesegnetem Debüt auf der Flimmerleinwand ungestört auf seinen sportlichen Lorbeeren ausruhen können.

Bleiben aber wird in jedem Falle die Erinnerung an einen sehr großen Fußballspieler, an den besten Halbrechten der Welt, an einen Stürmer, wie es nur wenige gelben hat und auch nur wenige noch geben wird. Vielleicht kommt einmal die Zeit, da sich die Alten wehmütig und stolz zugleich der Tage erinnern werden, da sie noch einen Fritz Walter haben spielen sehen, den heute viele als einen verschlagenen und bösen Menschen hinstellen möchten. Das aber ist er bestimmt niemals gewissen, denn dann hätte er sich auf keinen Fall so tollpatschig benommen, wie er es leider getan hat.