Milliarden für Seife und Margarine

Von w. Fredericia

Vor 25 Jahren, im September 1929, schlossen sich eine Gruppe von Gesellschaften holländischen Ursprungs, bekannt als Margarine-Union in England und Margarine Unie in Holland, und eine Gruppe von Gesellschaften, die von der englischen Firma Lever Brothers kontrolliert wurden, zum Unilever-Konzern zusammen. Aus diesem Anlaß ist jetzt eine Geschichte von Unilever erschienen (Charles Wilson: The History of Unilever, A Study in Economic Growth and Social Change, Cassell & Company Ltd., London).

Das Werden der Mammutunternehmungen, die in unserer Zeit eine so große Rolle spielen, liegt meist im Dunkel. Denn Industriegeschichte wird wenig geschrieben und noch weniger gelesen. Nur soviel weiß oder vermutet der Mensch von heute, wenn er den populären Namen eines der großen Konzerne hört oder liest, daß da vor hundert Jahren ein Mann klein angefangen und es mit Fleiß, Genialität und Glück zu einem Vermögen gebracht hat, mit dem er seine kleineren Konkurrenten aufzukaufen oder im Wettbewerb auszuschalten vermochte. Ganz unrichtig ist diese Sicht nicht. Aber sie versäumt das Wichtigste und Interessanteste, nämlich die Rolle, die das Entstehen dieser großen Wirtschaftskörper in der Entwicklung unserer Gesellschaft gespielt hat und wie sie umgekehrt durch diese bedingt und gefördert wurden. Mit einem Wort: Es fehlt die Erkenntnis, daß der Vorgang notwendig war.

In Wirklichkeit besteht ein enger Zusammenhang zwischen den beneideten Erfolgen jener Industriepioniere und den Möglichkeiten unseres heutigen Lebens überhaupt. Der Unilever-Konzern könnte nicht Margarine und Seife für 15 Milliarden Mark im Jahr verkaufen, wenn sich nicht die Bevölkerung in einem Jahrhundert verdoppelt hätte; aber die Bevölkerung hätte sich nicht verdoppeln können, hätte nicht eine rasante Steigerung in der Produktion billiger Seife Hygiene durch Reinlichkeit ermöglicht und wäre nicht die Margarine an die Seite der Butter getreten, um den Massen der Industriegesellschaft eine kräftige, der allgemeinen Produktivität zugute kommende Ernährung zu sichern.

Funktion des Großunternehmens

Das gilt ebenso für viele andere Wirtschaftszweige, und hier findet das zu großen Produktionsleistungen fähige Riesenunternehmen, das für unsere Sozialstruktur allerdings Gefahren bringt, seine innere Rechtfertigung, Zum Beispiel wäre unsere Art von Wirtschaft ohne Kraftfahrzeugverkehr nicht möglich. Kraftwagen können aber nicht von Handwerkern und Kleinfirmen hergestellt werden, ihre Produktionsstätte ist der Großbetrieb. Ebenso kann man Kohle nicht handwerksmäßig abbauen und verkoken. Zu all dem gehören in großem Umfang Kapital, Organisationskraft und die Fähigkeit, die technische Entwicklung vorwärtszutreiben. Beim Kraftfahrzeugbau beobachtet jedermann von Jahr zu Jahr ganz selbstverständlich den technischen Fortschritt. Daß aber die Seife vor hundert Jahren ranzig und daß die Margarine, als sie 1870 von dem Franzosen Mouriès erfunden wurde, reichlich ungenießbar war, ist lange vergessen. Erst durch die Arbeit, das Genie und den Mut einer Reihe von Männern wurde aus der damaligen "Schmiere" unsere heutige Seife und aus all den Ölen und Fetten, die zwischen Arktis und Äquator produziert werden, unsere heutige Margarine, zu Preisen, die die soziale Funktion dieser Erzeugnisse ermöglichen. Das waren gewiß nicht nur die Männer von Lever Brothers in England, von Jürgens und Van den Bergh in Holland und von Schicht in Österreich, aus deren Zusammenschluß endlich der Unilever-Konzern entstand. Aber diese haben einen besonders großen Anteil daran gehabt; ihr wirtschaftlichen Erfolg, der ja auf lange Sicht immer mit der Leistung korrespondiert, beweist es.