Bombay im Oktober

Als vor etwa 40 Jahren ein Mann namens Dada Phalke in Indien erklärte, er wolle einen indischen Film drehen, wurde er ausgelacht. Heute hat Indien nach Amerika die zweitgrößte Filmindustrie der Welt, produziert jährlich mindestens 300 Filme und beschäftigt 500 000 Menschen. Jener damals verlachte Dada Phalke wird heute als Begründer des indischen Films gefeiert. Ähnlich erging es Durga Khote, einer verheirateten Frau aus angesehener Familie, die vor 25 Jahren in einem der ersten indischen Tonfilme eine Hauptrolle spielte. Sie wurde vom Publikum ausgepfiffen, da es sich nach damaligen indischen Begriffen für eine anständige Frau nicht schickte, im Film aufzutreten. Heute ist sie immer noch eine bewunderte Schauspielerin und es ist heute nicht mehr ungewöhnlich, wenn eine gebildete Inderin zum Film geht. Einige Schauspielerinnen unterhalten eigene Filmgesellschaften und eigene gut ausgestattete Studios.

Die indischen Filmproduzenten haben bisher keine finanzielle Sorgen. Die Filmindustrie hat sich in den letzten Jahren als Goldgrube erwiesen, und viele Geschäftsleute investieren daher gern Geld bei ihr. Alle Filme können bei der großen Bevölkerungszahl im eigenen Lande eingespielt werden, und die Herstellungskosten sind relativ gering, wegen der genügend vorhandenen Sonne und den billigen. Löhnen – zwischen 255 000 und 510 000 D-Mark. Das 360-Millionen-Volk der Inder ist zudem ein sehr dankbares Publikum: Der Film ist seine billigste Unterhaltungsquelle und bei dem hohen Prozentsatz von Analphabeten – ein großer Teil der Bevölkerung kann noch nicht lesen und schreiben – die verständlichste. Wenn ein Streifen den Indern gefällt, und das hängt selten vom Inhalt ab, sehen sie ihn gern mehrmals an. Dazu kommt der Export indischer Filme in andere Länder Asiens und viele Teile Afrikas.

Es gibt einige große Regisseure in Indien, unter ihnen V. Shantaram, Shrab Modi, Bimal Roy. Sie haben wenige große Filme gedreht, so hat vor kurzem die englische Fassung des Farbfilms "Jhansi-Ki-Rani" unter dem Titel "Queen of Health" in England Bewunderung erregt, und man plant seine Synchronisierung in andere Sprachen. Er handelt von dem ersten Aufstand gegen die Engländer im Jahre 1857 und von der tapferen Königin – eine indische Jeanne d’Arc –, die dem Befreiungsheer voranritt und im Kampf fiel. Das Gros der indischen Filme aber, soweit sie nicht wie in ihren Entstehungstagen mythische und geschichtliche Themen behandeln, wird auch thematisch immer mehr zu einer Nachahmung der traurigsten Hollywoodvorbilder, mit verkitschter indischer Folklore und schreiend in den Farben. Der erste im vorigen Jahr in Deutschland gezeigte indische Farbfilm "Mangala", ein farbenreiches Kolossalgemälde, war für alle Zuschauer, die den meisterlichen Film vor. Renoir "Der Strom" gesehen hatten, eine arge Enttäuschung, und nicht nur für sie. Im Gegensatz zu diesem Film indischer Produktion war es dem Europäer Renoir gelungen, die echte Atmosphäre indischen Lebens einzufangen.

Erotische Liebesszenen auszuspielen, ist zwar nach wie vor von der strengen staatlichen Zensur verboten, aber auch die plumpen Andeutungen sind oft nicht mißzuverstehen. Abenteurer- und Kriminalfilme überwiegen. Mit einem Protestschreiben mit 13 000 Unterschriften wandten sich Frauen aus Delhi kürzlich an den Ministerpräsidenten Nehru gegen die Produktion solcher Filme. Es heißt darin: "Die heutigen Filme werden eine immer größere Gefahr für die Moral unserer Kinder. Sie verursachen nicht nur eine ungesunde sexuelle Frühreife, sie treiben auch zu Verbrechen. Viele Kinder besuchen keine Schule. Sie stehlen irgendwo Geld, um ins Kino zu gehen. – Ausländische, besonders amerikanische Filme tragen auch zu einer sozialen Unruhe und zu einer Förderung verbrecherischer Instinkte bei. Es ist die Pflicht der Regierung, diese Dinge zu unterbinden." Tatsächlich hat der indische Minister für Presse und Funk, Keskar, sich öffentlich gegen die Produktion von Kitschfilmen ausgesprochen und Filmmusik aus dem Radioprogramm verbannt. Eine starke Reklame fiel damit fort, denn die große Anziehungskraft indischer Filme liegt in ihren Schlagern, da die Bevölkerung besonders empfänglich für die Filmmusik ist. Wie gut oder schlecht der Inhalt eines Films auch sein mag: ein guter Filmschlager bringt den Kinobesitzern ausverkaufte Häuser.

In Indien beschleunigt der Besuch der Kinos die soziale Revolution. Menschen aller Klassen, die seit Jahrhunderten unverrückbar in der Hierarchie ihrer Kasten lebten, sitzen nebeneinander. Die inhaltlich und künstlerisch zumeist unreife Form, in der mehr als ein Viertel aller indischen Filme heute soziale Probleme wie das Schicksal der "Unberührbaren" und das Analphabetentum behandelt, scheint jedoch maßgebenden Indern nicht das Forum zu sein, auf dem sie erörtert werden sollten. Nun sucht man Wege, auf welche Weise der Film als Volksbildungsmittel am besten angewandt werden kann. Es ist nicht leicht, da Filme, die nicht auf irgendeine Art gleichzeitig unterhalten, bei den Indern überhaupt keinen Anklang finden.

V. N. Kulkarni-Pandit