Von H. J. Berling

Der Bodner machte im allgemeinen einen ganz guten Eindruck, aber nebenher hatte er auch eine Gastwirtschaft..." Solche intimen Kenntnisse der Historie (in diesem Fall handelt es sich um den Besitzer einer Burg, die in den Bauernkriegen eine Rolle spielte) wird man bestimmt nicht aus Geschichtsbüchern und an den Universitäten erfahren, sondern von jenen, die die Geschichte in Zinnfiguren darstellen und hier also Zinnhistoriker genannt werden müßten. Aber es gehört noch mehr dazu als historischer Sinn, nämlich die Liebe zu den kleinen Dingen, der Drang zu kunstverwandter Betätigung und ein ausgeprägter Sammeltrieb. Allen diesen Eigenschaften ist es zu verdanken, daß man jetzt (bis zum 10. Oktober) im Hamburger Vergnügungspark "Planten un Blomen" in Dutzenden von Dioramen einen Querschnitt durch die europäische Geschichte – die friedliche und militante – vom Neandertal bis in die Gegenwart sehen kann, der einer geschriebenen Geschichte jedenfalls das Moment absoluter Anschaulichkeit voraus hat.

Es muß etwa 200 Jahre her sein, daß ein Graveur oder Gießer in einer der damals in Deutschland zahlreichen Zinngießereien auf den Gedanken kam, seinen Kindern Spielzeug aus Zinnfiguren zu machen. Andere machten es ihm nach. Bald nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts bemächtigten sich die Erwachsenen des Spielzeugs und begannen, bestimmte Figurengruppen zu sammeln. Diese Figuren waren anfangs noch recht groß, flach und einförmig. Alle Soldaten und alle Pferde setzten den gleichen Fuß vor, und sahen sich überhaupt einander vollkommen ähnlich. Das änderte sich mit dem Wachsen der Ansprüche, und so entstand die lebende Figur, die Menschen und Tiere in tausenderlei verschiedenen Situationen und allen möglichen Bewegungen darstellte. Man ging sogar so weit, Personengruppen in perspektivischer Verkürzung darzustellen, so zum Beispiel einen Wagen mit Sechsergespann, halb von vorn und halb von der Seite gesehen. Inzwischen war man dazu übergegangen, die Figuren doppelseitig in Schiefer zu gravieren, was eine genauere Ausführung auch der kleinsten Einzelheiten ermöglichte, die in den alten Metallformen nicht so gut herauskamen. Die lebende Figur führte zwangsläufig zum Diorama, einem aus mehreren Figuren bestehenden Schaubild, meist historischen Inhalts, und oft an alte Stiche und Gemälde angelehnt. Sein seltsamer Reiz liegt in der Verbindung von Miniaturplastik und Malerei.

Für den Schaubildner ist es nicht ganz ungefährlich, denn seine Schöpfung verrät vielleicht seinen ganzen Charakter, und Geheimnisse, die er anders nicht aussprechen wird. Der eine liebt das spitzweghaft Idyllische, ein anderer wieder das Monumentale und ein nächster hat es sogar mit der Symbolik. Was soll man denken, wenn ein 80jähriger einen babylonischen Sklavenmarkt vorstellt, dessen Ware in völliger Abwesenheit von Bekleidung eine in Form und Farbe blühende Plastizität aufweist, wie sie der Vorstellungswelt wesentlich jüngerer Jahrgänge entspricht? Wie kommt es, daß ein Kleinstbürger und Angestellter das galante Leben von Rokokokavalieren zu seiner Vorliebe macht, und daß ein anderer sich einen einzigen Augenblick der Geschichte zum Gegenstand wählt und diesen Jahrzehnte hindurch bis zur Perfektion variiert – oder sein Vergnügen in der Entwicklung der Mode durch die Jahrhunderte findet. Ist es etwa nicht aufschlußreich, daß mancher es nicht für nötig hält, die Füße seiner Figuren mit Sägemehl zu bedecken, während ein anderer genau darauf achtet, daß in verschiedenen Richtungen vorgetragene Fahnen und Standarten dennoch die gleiche Windrichtung anzeigen, und ein dritter ein höfisches Menuett sich in den winzigen Spiegeln eines nachgebildeten Rokokosaales wiederholen läßt. So vollkommen ein Diorama auch gelingt, immer gibt es etwas zu verbessern. "Wir werden nie fertig, auch wenn wir 150 Jahre alt werden", meinte einer der Sammler, aber er bedauerte es nicht, bedeutet das doch, daß er sich bis an sein Lebensende nicht langweilen wird.

So ein Diorama hat bisweilen tausend bis zweitausend Figuren. Und es ist ein langer Weg von der Konzeption bis zu seiner Verwirklichung. Da hat ein Sammler die Idee, er wird jetzt einen gewissen Tag des Rückzugs Napoleons aus Rußland darstellen. Eine große Zahl von Figuren aus der Zeit besitzt er schon. Aber es fehlt noch eine ganze Menge. Für seine Familie beginnt jetzt unter Umständen eine schwere Zeit. Vielleicht ist unser Sammler ein Bankbeamter oder bei der Post. Er wird jetzt ganz unruhig. Man muß ihm das Frühstück früher machen, weil er vor dem Dienst noch eine Karte schreiben muß an einen anderen Sammler, der bestimmte zusammenbrechende Pferde hat. Nach dem Dienst geht er eilig und zerstreut, um in Bibliotheken und Archiven über Geschichtsbüchern, Kostümgeschichten und militärhistorischen Werken darüber zu brüten, wie sich alles in "seiner" Schlacht verhalten hat, welche Mützen ein bestimmtes Regiment des preußischen Korps bei der französischen Armee trug, und ob eine Gruppe von Offizieren goldene oder silberne oder vielleicht gar keine Knöpfe an den Gamaschen trug. Er wird sich alles genau notieren, denn er muß demjenigen, der seine Figuren zeichnen und in Schiefer gravieren wird, genau sagen können, wie alles ausgesehen hat. Nachdem er zu spät zum Essen gekommen ist, setzt er sich hin und beginnt nach seinen Notizen die bereits gegossenen Figuren zu bemalen. Das ist die Arbeit, die fast alle Sammler am meisten lieben. Man hat dabei den Ehrgeiz, außer der äußersten Akkuratesse jeder Figur auch eine eigene persönliche Physiognomie zu geben. Schließlich ruft unser Sammler für sein letztes Geld einen Freund an, von dem er hofft, daß er Wölfe und einen Napoleon hat. Er wird sagen: "Ich habe da so ein Diorama vor, für das ich Wölfe brauche und einen reitenden Napoleon. Ich könnte Ihnen dafür ein paar Stücke aus meiner Reihe ‚Die Götterwelt der alten Griechen‘ überlassen." Nehmen wir an, der andere hat Napoleon und die Wölfe, und das Bild nähert sich seiner Vollendung. Da trifft der Napoleon ein. Er sitzt auf einem hirschhalsigen, feurig tänzelnden Pferd. Unser Sammler ist besorgt; denn er hat inzwischen gelesen, daß der Kaiser an jenem Tage, den er durch sein Diorama der Vergessenheit entreißen wird, auf einem Pferde saß, das vor Müdigkeit kaum noch gehen konnte. Was soll er tun? Schließlich das, was alle Zinnbrüder in seiner Lage tun würden: Mit einem feinen Messer säbelt er dem Pferde des Kaisers Kopf und Hals ab und einem bisher im "Lagerleben der Türken" verwendeten saufenden Pferd ebenfalls. Dessen nach unten hängenden Kopf nun lötet er dem Kaiserpferd an, das jetzt völlig erschöpft aussieht und dessen Tänzeln! zum Stolpern wird. Auf diese Weise kann man auch aus einem halben nackten Mann und einem enthaupteten Pferd ohne Neuguß einen Zentauren machen.

Sicher wäre man heute in der Zinnfigurenindustrie weiter, wenn nicht politische Zeloten ihre Verbreitung in den Jahren nach dem Kriege unterdrückt hätten, weil es sich, wie sie sagen, um ein militaristisches Spielzeug handelt. Als ob man dem Militarismus einen Schlag versetzen könne, indem man die Geschichte ignoriert.

Natürlich ist das militärische Milieu für den Zinnhistoriker von besonderer Anziehungskraft, Das liegt aber nicht daran, daß er sich gedrängt fühlte, Krieg und Krieger zu verherrlichen, sondern daran, daß das militärische Leben, besonders das des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, von einer Farbenpracht, Gestaltenfülle und Bewegtheit war, daß es sich der Darstellung im Diorama einfach aufdrängt. Niemand möchte wohl gern als Grenadier in den starren Kaders preußischer Paraden stehen, aber niemand wird abstreiten, daß eine solche Parade in ihrer Farbenfülle und linearen Präzision ein prächtiger Anblick ist.