Von Walter Abendroth

Die Unzahl der Festspiele, allerorten löst bei kritischen Köpfenlängst durchaus andere Gefühle aus als solche freudiger Erwartung oder festlicher Spannung. Man weiß: es sind oft Unternehmungen, die ihr Dasein mindestens ebensosehr wirtschaftlichen Berechnungen verdanken wie künstlerischen Impulsen; Unternehmungen, an denen die Fremdenverkehrswerbung lebhafter beteiligt ist als das kulturelle Gewissen; Unternehmungen, die den herbeigezogenen Gästen obendrein nicht selten ein falsches Bild des betreffenden lokalen Kunstlebens vorzaubern, indem sie dessen sonst keineswegs imponierenden Habitus mit prächtigen fremden Federn ausstaffieren – einem Schmuck, der nach dem Ende der Galavorstellung sofort wieder abfällt und das dürftige Gerüst der gewohnten Alltagswahrheit zurückläßt, bis sich nach Jahresfrist das blendende Gaukelspiel wiederholt. Unter den wenigen Ausnahmen, auf die diese Charakteristik nicht zutrifft, dürfen die Berliner Festwochen – was Sinngebung, Zweck und innere Berechtigung, was auch vor allem echte Aktualität betrifft – den Anspruch erheben, besonders ernst genommen zu werden. Das Schlagwort von der "Insel" Berlin, ausgegangen von einem politischgeographischen Tatbestand, hat mehr und mehr einen unguten Inhalt bekommen, der etwas Ähnliches besagen will wie Enge des Horizonts, vielleicht gar Provinzialismus. Wahrscheinlich hatte in einem früheren Stadium der Berliner Verhältnisse diese Unterstellung mehr Wirklichkeitsgehalt als heute. Denn mag sich auch mancher heutige Westberliner als "Insulaner" fühlen oder, die Gegenwart mit den Maßstäben glanzvoller Vergangenheit messend, eine Gefahr der Provinzialisierung wittern – für den Besucher aus dem Bundesgebiet sieht die Sache doch wesentlich anders aus. Ihm drängt sich der Eindruck auf, daß diese freie Hälfte der ehemaligen Reichshauptstadt noch immer – oder schon wieder – eine wirkliche Weltstadt ist, die ihre alte Vitalität bewahrt hat, aus der Spannung ihrer isolierten Lage ungeahnte Energien zieht und mit diesen ein ganz konsequentes Aufbauwerk vollzieht, als sei Geschehenes nicht geschehen und neues Geschehen nicht zu fürchten. Was nicht heißen soll, daß der Neuaufbau die veränderte Situation nicht in Rechnung zöge und von veralteten Voraussetzungen ausginge – im Gegenteil. Es ist sogar ein neues industrielles Mäzenatentum im Begriff, sich zu organisieren, mit dem Ziel, das soziologische Problem von Angebot und Nachfrage im Musikleben zu lösen, das heißt also: ein neues Publikum auf den Plan zu rufen. So wird beispielsweise Mitte Oktober eine Serie "Muratti-Konzerte" anlaufen, in denen prominente Künstler wie junge Talente auftreten und das wirtschaftliche Risiko ausgeschaltet bleibt.

Wenn eine solche Stadt "Festspiele" veranstaltet, so will sie damit zeigen, welchen Anspruch sie erhebt. Und das Ergebnis ist eine volle Rechtfertigung dieses Anspruchs. Wer nicht in der Lage war, den gesamten Verlauf der Berliner Festwochen zu verfolgen und sich mit einem Ausschnitt begnügen mußte (die ganze Fülle der verschiedenartigsten Darbietungen aller geistigen und künstlerischen Kategorien hätte ohnehin niemand konsumieren können), dem gab die Ausstellung "Theaterstadt Berlin" am Lützowplatz einen höchst instruktiven Überblick. Er reichte von den gloriosen Anfängen der Berliner Theatergeschichte bis in die unmittelbare Gegenwart und ließ an zahlreichen Dokumenten erkennen, was einmal gewesen ist, was verlorenging und was allmählich, aber stetig wiedergewonnen und neu geschaffen wird. Besonders ersichtlich wird dabei, daß in den Berliner Festwochen eben nichts vorgetäuscht wird. Sie präsentieren nichts, was nicht auch während der übrigen Spielzeit in Berlin zu sehen und zu hören wäre. Denn die Gastspiele auswärtiger Künstler und Ensembles sind hier ja immer schon an der Tagesordnung gewesen und sind es längst wieder. Und Vergleiche der einheimischen Leistungen mit denen illustrer Gäste ergeben keineswegs ein grundsätzliches Minus auf der Berliner Seite, wenn auch im einzelnen hier und da bemerkbar werden mag, daß die verfügbaren materiellen Mittel nicht unerschöpflich sind und daß die Berlin zugehörigen Kräfte ersten Ranges sich erst zögernd wieder hier zu sammeln beginnen.

Auf dem Felde der Musik, zumal der konzertanten, entfällt diese Einschränkung schon weithin. Im Theaterleben führen noch eindeutig große Gestalten der Vergangenheit, bedeutende neue sind seit der Kapitulation hinzugekommen, überall aber erlebt man einen hohen Durchschnittsstand der Ensembleleistung mit auffallenden Einzelerscheinungen; überall spürt man künstlerische Initiative und eine unverkennbare Entschlossenheit, die einstige Höhenlinie wieder zu erreichen und zu halten. Während im deutschen Westen schon vielfach der materiellen Sättigung eine gewisse Selbstzufriedenheit des Kunstlebens entspricht und temperierend wirkt, ist in Berlin alles auf angespannte ständige Bemühung gestellt. Man sieht, daß es auf den artistischen Wert der Spitzenleistung im Einzelfalle gar nicht so sehr ankommt wie auf den lebendigen, zupackenden Geist. Und der ist – generell – in Berlin heute so wach wie je, auch und gerade im Theater.

Opernglanz – Parodie – Problematik

Wie gesagt: Manche Berliner wollen es selbst nicht so sehen. Sie sind verwöhnt von früher und neigen daher zur Ungerechtigkeit gegenüber dem Heute. Sehr wohl aber weht den "Provinzler" (wie einst jeder Nichtberliner genannt wurde) dieser Geist erfrischend an, wenn er in die Berliner Festwochen auch nur "hineinriecht".

Es hat keinen Sinn, das verwirrend reichhaltige Programm der Darbietungen mit Namen und Titeln zu belegen. Neben denen, die ohnehin im übrigen Deutschland und in der Welt überhaupt bekannt sind, figurierten natürlich auch solche, die unter den Begriff "Lokales" fallen, die aber doch zum festen Qualitätsbestand des kunstbeflissenen Berlin gehören. Auch auf sie hier einzugehen, würde zu weit führen. Wir müssen uns mit der Erwähnung einiger Besonderheiten begnügen, die in das zeitliche Segment einer kurzen Erkundungsfahrt fielen.