Von Friedrich Sieburg

Thomas Mann hat soviel über sich und seine Kunst geschrieben, daß es nicht schwer sein sollte, von ihm selbst zu erfahren, warum er die vor dem ersten Weltkrieg abgebrochene Arbeit an dem Roman "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" (Suhrkamp-Verlag, Frankfurt, 442 S., 18,50 DM) nach so langen und von Katastrophen erfüllten Jahrzehnten wieder aufgenommen und zu einem vorläufigen Ende geführt hat. Nicht, als ob das unsägliche geistige Vergnügen, das der Roman uns bereitet, nicht vollauf genügte, um ihm sein Daseinsrecht zu geben. Aber der Autor ist so tief in die Deutung seiner eigenen dichterischen Existenz eingedrungen, daß der Leser zur Geschichte auch die Entstehungsgeschichte haben will. Ahnt er doch das Exemplarische am künstlerischen Tun dieses großen alten Mannes, dessen Daseinsbild längst mit den von ihm geschaffenen Bildern zu einer fesfen Einheit verwachsen ist.

Man weiß, daß die Wiederaufnahme der Hochstaplergeschichte eine Zeitlang mit dem Plan des "Doktor Faustus" zu konkurrieren hatte. Der Dichter spürte, daß der Musikerroman, ganz goethisch, sein "Hauptgeschäft" sei. Drohend und gefährlich stand dieser Plan vor ihm, und die Arbeit am "Krull" sollte ihm noch einen Aufschub verschaffen. "Erst lieber noch etwas anderes!" war die Formel für das Gefühl, das ihn zu den alten Papieren greifen ließ, die er einst dem "Tod von Venedig" zuliebe beiseite gelegt hatte. Daß er dann schließlich doch den "Doktor Faustus" schrieb, erscheint uns heute selbstverständlich, denn mit ihm zog Thomas Mann sich selbst aus der Hölle des Krieges und seiner Neben- und Nachwirkungen.

Wir sind nicht sicher, ob sich sein Wunsch, daß am "Faustus", diesem großen, aber den Autor selbst peinigenden Buch, "ein wenig Kunstspiel und -scherz, Ironie, Travestie, höherer Spaß" teilhaben dürfe, erfüllt hat. Aber in der Legende "Der Erwählte" wurde es nachgeholt, und der "Krull" erscheint so ganz "höherer Spaß", daß viele Leser nach der inneren Notwendigkeit des Buches forschen werden. Die Frage läßt sich indessen beantworten. Scheinbar und sogar ein wenig scheinhaft zieht Krulls Geschichte vorüber, aber die eigentliche Wirklichkeit beruht in dem mit vollster Radikalität angewandten Kunstprinzip Thomas Manns, der sich in einem Buche, das sich zu unserer Überraschung als "der Memoiren erster Teil" präsentiert, nun endlich einmal nach Herzenslust und ohne jede epische Rücksichtnahme der Ironie als höchster Ausdrucksform hingibt.

Das Fragment schloß mit Felix Krulls genial erzwungener Befreiung vom Militärdienst. Aber die Zeiten können nicht übersprungen werden, und so rollen die weiteren Schicksale des Jünglings in jenen ersten Jahren des 19. Jahrhunderts ab, in denen sie begonnen haben. Es ist eine merkwürdig spannungslose Zeit, der in der Fortführung jede Authentizität entzogen wird. So entsteht bald eine fast zeitlose Kulisse, in der Krull seinen Weg geht. Er lernt das Hotelfach, wird ein erfolgreicher Liftboy und ein noch glänzenderer Kellner, der dank seiner körperlichen Vorzüge und geradezu unheimlichen Beredsamkeit einige höchst schmeichelhafte Leidenschaften bei beiden Geschlechtern erregt und schließlich als falscher Marquis auf die Reise geht, weil der echte gern zu Hause bleiben möchte und ihm Namen, Geld und Papiere abtritt. Im Zuge nach Lissabon lernt er einen Paläontologen kennen, mit dessen Familie er bald intime Bekanntschaft macht. Der Professor erklärt ihm die Entstehung des organischen Lebens, das spröde Töchterchen sinkt ihm nach langem wortreichem Widerstand in die Arme, aber die schöne Mama zieht ihn schließlich an ihre junonische Brust. Was Krull auch tut, er lernt, er erfährt, ihm erschließt sich die Welt, und wären nicht zwei Diebstähle – Zuckerwerk in der Jugend und kostbarer Schmuck auf der Fahrt ins Leben – etwas künstlich in die Memoiren eingefügt, so würde man es als geradezu ungerecht empfinden, daß ein junges Blut von solcher Lernbegierde und so stürmischem Bildungsbedürfnis als Schwindler gelten und – wie aus einigen düsteren Andeutungen hervorgeht – in späteren Teilen des Werkes sogar ins Zuchthaus wandern soll. Man hat eher mit einem Entwicklungsroman zu tun oder, genauer gesagt, mit einem Bildungsroman, gewissergenauer mit einer parodierten Nachfolge des "Wilhelm Meister", in dem Goethe ja auch nicht immer die beste Gesellschaft auftreten läßt.

Daß dem Autor tatsächlich eine solche Parodie in der Jugend vorschwebte, hat er selbst bekannt. Aber damals war das Unternehmen leichter, weil der Gegensatz zwischen Künstler und Bürger, zwischen Außenseiter und Gesellschaft noch eine echte Aktualität besaß. Krull konnte leicht für den ironischen Schatten eines Genies gelten, das sich in die menschliche Gemeinschaft nicht einfügen läßt. Heute hat diese Antithese Keinen Sinn und doch jedenfalls nichts Exemplarisches mehr. So gewinnt denn die Figur Krulls eine andere Bedutung, nämlich die der totalen Einsamkeit.

Thomas Mann hat während der Arbeit am "Doktor Faustus" in tiefsinnigen Wendungen vom "Ende des Romans" gesprochen und angedeutet, daß diese Kunstform in seinem Schaffen ihren Zweck erfüllt habe, als käme auf dem Gebiet des Romans nur noch das in Betracht, was "kein Roman mehr sei". Er setzte dies Gefühl in Beziehung mit seiner "wachsenden Neigung, alles Leben als Kulturprodukt und in Gestalt mythischer Klischees zu sehen". Das ist eine Umschreibung seines alten Bekenntnisses zur Parodie als seinem ureigentlichen Kunstmittel. Die vollständigsten Definitionen der Parodie legt er Goethe in den Mund, in jenem Roman "Lotte in Weimar", der selber eine einzige grandiose Parodie ist. Daß in der genau wiedergegebenen Sprechweise einer Person oder Epoche ihre vollständigste Gestaltung und Kritik liege, hat Thomas Mann schon anläßlich der Novelle "Tod in Venedig" erklärt. Fast mit Hohn hat er den Gedanken abgelehnt, daß die "hieratische Atmosphäre", der "Meisterstil" dieser Novelle ein Ausdruck seiner Person und "ein persönlicher Anspruch" sei: es handle sich um "Anpassung, ja Parodie". Wenn man diese Definition zu Ende denkt, so ist alle menschliche Mitteilung, die der Gesellschaft angepaßt ist, Parodie. Und genau das meint Thomas Mann, wenn er paradox, aber logisch sagt: Kultur ist Parodie.