Während in einem verborgenen, verbauten Winkel Londons die Vertreter der neun Mächte über Europas Zukunft berieten, drang ein Luftzug aus dem Seebad Scarborough durch die Fenster des Musikzimmers in Lancaster House zu den neun Außenministern und ihrem Stab von Spezialisten.

Zwei Nachrichten von der Jahrestagung der Labour Party mußten von ihnen als besonders belebend empfunden werden: Das "Ja" zur Wiederbewaffnung Deutschlands und die Wahl von Hugh Gaitskell zum Nachfolger des verstorbenen Arthur Greenwood als Schatzmeister der Labour Party. Um die Tragweite dieser Entscheidungen zu ermessen, muß man sich vor Augen halten, daß im kommenden Jahr Unterhauswahlen zu erwarten sind und daß die bei den letzten Wahlen nur knapp geschlagenen Sozialisten eine sehr reale Chance haben, die Regierung zu übernehmen. Außerdem wird die in Scarborough festgelegte Politik der Partei nicht ohne Rückwirkung auf die sozialistischen Parteien in Deutschland und Frankreich bleiben können.

Die Zustimmung zur Wiederbewaffnung Deutschlands und die Wahl Gaitskells bedeuten einen Sieg der gemäßigten Richtung, wie sie von der offiziellen Parteiführung – von Attlee, Morrison und dem einflußreichen Gewerkschaftsführer Arthur Deakin – vertreten wird. Das wurde dadurch noch besonders akzentuiert, daß Gaitskells Gegenkandidat Aneurin Bevan war, der vollblütige und temperamentvolle Herrscher im Reich der extremen Linken, der die Führer seiner Partei "ausgetrocknete Rechenmaschinen" nannte.

Bevan stützt sich vor allem auf die Parteiorganisationen; Gaitskell dagegen ist der Mann der Gewerkschaften. Und als die beiden größten Gewerkschaften, die allein über ebenso viele Stimmen verfügen wie sämtliche Wahlkreisgruppen der Partei (constituency parties) zusammengenommen, Gaitskell zu ihrem Kandidaten ernannten, stand das Endergebnis der Wahl schon fest, wenn man auch kaum erwartet hatte, daß es so eindeutig ausfallen würde: 4 338 000 Stimmen fielen auf Gaitskell, nur 2 036 000 auf Bevan. Sogar die große Bergarbeitergewerkschaft stimmte nicht für den ehemaligen Bergarbeiter Aneurin Bevan, der ihr seine politische Laufbahn verdankt, sondern entschied sich für einen Mann aus dem gehobenen Mittelstand.

Hugh Todd Naylor Gaitskell stammt nämlich aus einer höheren Beamtenfamilie, besuchte eine der besten und teuersten Public Schools, die in Winchester, studierte am New College in Oxford Philosophie und Nationalökonomie und wurde nach glänzend bestandenem Examen Dozent der politischen Wirtschaftswissenschaft an der Universität London. 1939 sattelte er um und ging, der Familientradition folgend, in den Staatsdienst. Bis zum Kriegsende saß er als Beamter im britischen Wirtschaftsministerium – eine recht respektable Karriere, aber doch ohne Hinweis auf außergewöhnliche Möglichkeiten.

Schon als Student war er 1926 der Labour Party beigetreten, und 1935 war er als Kandidat für die Parlamentswahlen aufgestellt, allerdings nicht gewählt worden. Seine große Chance kam mit dem Wahlsieg der Labour Party 1945. Als Abgeordneter von Leeds-Süd zog er ins Parlament ein. Und dort gab es bald ausreichend Gelegenheit, die in der Abgeschlossenheit akademischer Hörsäle gewonnenen Kenntnisse und die im Wirtschaftsministerium erworbenen Erfahrungen auf einem Podium auszuwerten, wo Erfolg und Mißerfolg im Licht der Öffentlichkeit klar hervortreten. Gaitskells Erfolg war offensichtlich. Nach zwei Jahren schon wurde er Minister für Brennstoffversorgung. Die Verstaatlichung des Kohlenbergbaues war mit einer Krise in der Brennstoffversorgung zusammengefallen, und es fehlte nicht an Stimmen, die da einen Kausalzusammenhang herstellten. Aber die Einsicht und Energie des neuen Ministers trugen wesentlich zur Milderung der Krise bei. Berühmt wurde seine Aufforderung an das englische Volk, nicht so viel in der Badewanne zu sitzen; das sei übertriebene Hygiene und koste zu viel Heizmaterial. Er wurde deswegen angegriffen und verspottet – aber er wurde bekannt. Bei den Parlamentswahlen von 1950 wurde er mit großer Mehrheit wiedergewählt und übernahm noch im gleichen Jahre als Nachfolger von Sir Stafford Cripps das Amt des Schatzkanzlers. Im Alter von 44 Jahren und nur fünf Jahre nach seinem Eintritt ins Parlament hatte er damit eine Stellung erreicht, von der aus schon manche seiner Vorgänger zum Premierminister aufgestiegen sind. Der Wahlsieg der konservativen Partei – nach 18 Monaten, die die zweite Regierung Attlee gedauert hatte – gab ihm allerdings zu wenig Zeit und Gelegenheit, sich in dieser Stellung zu bewähren.

Im kleineren Rahmen der Partei ist die Position des Schatzmeisters, in die Hugh Gaitskell jetzt gewählt wurde, der des Schatzkanzlers in der Regierung vergleichbar. Beiden Ämtern ist gemeinsam, daß sie außer der Verantwortung für die Finanzen ein gewisses Prestige mit sich bringen, das den Träger des Amtes für noch höhere Aufgaben bestimmt erscheinen läßt – besonders dann, wenn er wie Hugh Gaitskell noch zur "jüngeren Generation" gehört. Und wirklich ist Gaitskell heute neben dem schwer leidenden Herbert Morrison der aussichtsreichste Bewerber um die Nachfolge Attlees. Sein schwerstes Handicap dürfte sein, daß er noch nicht in gleichem Maße wie Morrison eine populäre Persönlichkeit ist. Noch haftet ihm manches aus der Dozenten- und Beamtenzeit an, was den Umgang mit Arbeiterdelegierten erschwert. Noch hat er wenig Geduld mit Argumenten, die unzureichender Sachkenntnis entspringen. Seine politischen Gegner aus dem Lager der extremen Linken nennen ihn "den hochmütigen feinen Herrn, der alles besser weiß".