Die Hamburgische Staatsoper feierte den 80. Geburtstag des vor zwei Jahren verstorbenen spiritus rector der heute vorherrschenden Richtung neuer Musik, Arnold Schönberg, mit der Erstaufführung seines Monodramas "Erwartung". Es stammt aus dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, also aus einer Schaffensepoche, in welcher der Komponist sich aus der spätromantischen Verstrickung zu lösen begann, um auf neuen, eigensten Wegen in eine andersgeartete, doch ebenso unleugbare Romantik zu wechseln. Der Unterschied zwischen vordem und nachdem liegt einzig in der Neuordnung des Materials, in einer Umbildung des kompositorischen Handwerkszeugs. Das Verbindende blieb: die romantische Besessenheit von der Sucht nach stetig gesteigertem und übersteigertem Ausdruck – eine Sucht, die nur noch durch ein bewußt erklügeltes, betont rein-intellektuell zu bedienendes Ordnungssystem gebändigt werden konnte – gebändigt, nicht überwunden. Denn eben dieses System kann seinen höchst subjektiven Ursprung nie verleugnen und vermag zwangsläufig nur extreme Ausdruckswerte zu reproduzieren, wenigstens solange es nicht, unter epigonalen Händen, im völlig Charakterlosen versandet.

Die "Erwartung" steht auf der Grenzscheide zwischen dem Schönberg der Tristan-Nachfolge und dem ganz "eigenen" Schönberg. Und gerade aus dieser historischen Position heraus bestätigt sie die Permanenz der persönlichen Haltung des Meisters, Oder auch: die Kontinuität seiner Entwicklung, die demnach lediglich eine technische, keine mentale, keine eigentlich geistige war. In diesem Werk empfindet man mit besonderer Eindringlichkeit die typisch Schönbergsche Überreizung des Romantisch-Subjektiven ins Psychoanalytische, die Aufpeitschung des Uferlos-Gefühligen zum Pathologischen im klinischen Sinnen Es ist kein gutes Empfinden, das man dabei hat, so sehr die Artistik zu bewundern ist, so sehr man die Fähigkeit bestaunen mag, letzte Indiskretionen der Seelendarstellung musikalisch zu illustrieren. Denn: Illustration ist auch hier das Wesen und die Stärke der Schönbergschen Musik. Da gibt es keine noch so feine, noch so vehemente Regung in dem Nervensystem einer Frau, die ihren verlorenen Mann sucht und ihn schließlich tot auffindet, die nicht ihr vollendetes Äquivalent im Klang erführe. "Meisterlich" ist das gewiß. Aber man fragt sich: Was will diese Meisterschaft? Was schenkt sie uns? Um welchen menschlichen Gewinn bereichert sie uns?

Der artistischen Vollkommenheit des in seiner Art zweifellos erstaunlichen Objekts entsprach eine adäquate Wiedergabe. Günther Rennert als Inszenator, Leopold Ludwig als Dirigent und der Bühnenbildner Siercke verwirklichten alle Möglichkeiten der expressionistischen Konzeption in engster künstlerischer Einmütigkeit. Sie erzielten eine Dichte der Atmosphäre, in die Helga Pilarczyk, die stimmgesegnete Interpretin der eminent schweren Solorolle, notwendig hätte hineingezwungen werden müssen, auch wenn sie nicht von der eigenen, überraschenden Begabung her dafür prädestiniert gewesen wäre. Daß sie einen beträchtlichen Anteil an dem Premierenapplaus auf sich beziehen durfte, war offensichtlich. A-th