Frankreichs militärische Geheimnisse wurden verraten

Der Generalsekretär des Nationalen Verteidigungsrates Mons, seine Mitarbeiter Turpin und Labrusse, sowie der Journalist Baranès werden angeklagt, einen Anschlag gegen die äußere Sicherheit der französischen Republik versucht zu haben. Damit hörte jene Spionageaffäre, die seit 14 Tagen die französische Öffentlichkeit erregt, auf, nur ein "Fall Dides" zu sein. Der Fall begann damit, daß Jean Dides, Kommissar der Pariser Hafenpolizei und Spezialist für die Bekämpfung kommunistischer Umtriebe, am 18. September nach einem Besuch bei dem Minister für tunesische und marockanische Angelegenheiten, Fouchet, verhaftet wurde. Man fand in seiner Aktentasche den Durchschlag eines Berichts über die Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates vom 10. September, für deren Geheimhaltung die sorgfältigsten Vorkehrungen getroffen worden waren. Es stellte sich ferner heraus, daß Dides am Vorabend seiner Verhaftung mit einem Angehörigen der amerikanischen Abwehr bei der Pariser Botschaft, dem Attache d’Allier, diniert hatte.

Nun war das nicht das erste, sondern das viertemal, daß der Verteidigungsrat undichte Stellen zeigte. Zum erstenmal geschah dies bei der Sitzung des Rates im Juli 1953, in der der Plan Navarre beraten wurde. Von der Sitzung am 26. Mai 1954, deren Gegenstand der Bericht der Generale Ely und Salan über die Lage in Indochina war, lag noch am gleichen Abend ein Protokoll auf dem Tisch des Politbüros der französischen KP. Der Inhalt einer dritten Sitzung, die am 28. Juni stattfand, war den Kommunisten / am Tage darauf ebenfalls bekanntgeworden. In allen Fällen war es Dides – damals noch Chef der Abteilung zur Bekämpfung kommunistischer Umtriebe –, der die Kenntnisse der Kommunisten und damit das Loch im Verteidigungsrat, dem unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik nur Angehörige der Regierung und höchste Militärs angehören, aufdeckte. Zwischen dem zweiten und dritten Fall hatte Mendès-France die Regierung Laniel abgelöst, wobei das Innenministerium, dem die Polizei untersteht, von Martinaud-Deplat an Mitterand überging. Nach der Absetzung des Polizeipräfekten von Paris, Baylot, dem Dides unterstand, wurde dieser zur Hafenpolizei versetzt.

Aber Dides konnte sich von seinem Agentennetz, das er mühsam aufgebaut hatte, offenbar nicht trennen. Er setzte seine Kommunistenjagd auf eigene Faust fort mit dem Unterschied, daß er von dieser Zeit an seine Beobachtungen nicht seinen neuen, sondern weiter seinen alten, inzwischen unbeamteten Vorgesetzten meldete. Seitdem wurde Dides überwacht. Er gab nach seiner Verhaftung an, er habe seine Informationen von einem seiner Agenten in der Kommunistischen Partei erhalten, weigerte sich jedoch, ihre genaue Herkunft und Bestimmung anzugeben. In Anbetracht der Unklugheit der untersuchenden Organe, so sagte er, müsse er fürchten, durch eine solche Aussage das Leben eines seiner wertvollsten Informanten zu gefährden. Mit den untersuchenden Organen meinte er den Leiter der Geheimpolizei (DST), Wybot, seinen erbitterten Feind und Rivalen. Sein Informant aber war indessen von der Geheimpolizei vernommen worden. Es war der kommunistische Journalist Baranès. Sein Blatt, die Liberation kündigte ihm daraufhin vorsorglich. Als er zur Vernehmung geholt wurde, war er gerade dabei, in einem Kamin Papiere zu verbrenen, darunter ein Protokoll der Sitzung vom 28. Juni. Er gab zu, im Besitz auch des letzten Protokolls des Verteidigungsrates zu sein, und er wurde, obwohl er über dessen Herkunft keine befriedigende Auskunft geben konnte, entlassen und entwich. Dides wurde, nachdem er auch noch von militärischen Abwehrstellen gehört worden war, am 22. September ebenfalls auf freien Fuß gesetzt, am 26. jedoch durch Innenminister Mitterand vom Dienst suspendiert, mit der Begründung, daß er als Angehöriger der Hafenpolizei nicht zum Besitz oder zur Kenntnis militärischer Geheimnisse berechtigt sei. Dides erwiderte in einer öffentlichen Erklärung, daß er sich sehr wohl für berechtigt gehalten habe, jede derartige Information anzunehmen. Als den wahren Grund seiner Verhaftung und Suspendierung nannte er die ungerechtfertigte Furcht einiger Minister, er könnte, weil er die Regierungspolitik mißbillige, seine Informationen Politikern der Opposition zukommen lassen. Mit diesen meinte er vermutlich seinen ehemaligen Vorgesetzten Martinaud-Déplat, den erklärten Feind Mitterands. Die Tatsache, daß er diesmal die Dokumente schon drei Tage bei sich trug, ohne seinen Vorgesetzten davon Kenntnis zu geben, erklärte er mit der Notwendigkeit, sich zuvor Gewißheit über die Echtheit seiner Informationen zu verschaffen.

Politische Intrigen

Nach der Verhaftung des Kommissars fanden zahlreiche Haussuchungen bei Zeitungen und verdächtigen Personen der Opposition statt. Ein Ergebnis zeitigten sie zunächst nicht. Es wurde jedoch bekannt, daß Dides jene Informationen, in deren Besitz er die Kommunisten wußte, in eigenmächtig ausgleichender Gerechtigkeit seinerseits den rechtsstehenden Oppositionsparteien überließ.

Zu dieser Zeit vertraten Beamte der Süreté die Ansicht, die Kommunisten hätten – besonders im Falle der Sitzung kurz vor der Genfer Indochina-Konferenz – die Geheimdokumente absichtlich in die Hände der Polizei gespielt, um die Regierung wissen zu lassen, daß man sich in Moskau und Peking vollkommen über die katastrophale Schwäche der französischen Position in Indochina klar sei. Die Oppositionsparteien aber griffen die Regierung und die Geheimdienste scharf an. Ihrer Ansicht nach war es von sekundärer Bedeutung, ob Dides ein Opfer seiner Tüchtigkeit, ein unfreiwilliger Briefträger kommunistischer Agenten oder ein Verräter ist. Sie warfen den Behörden vor, sich auf die Belastung ihres Informanten zu konzentrieren, statt auf die Ergreifung der Schuldigen. Es kursierten die wildesten Gerüchte. In den Salons und Foyers flüsterte man sich die Namen bekannter Politiker zu: André Ségalat, Jean Mons, Edgar Faure...