C. M., Saloniki im Oktober

Das war die große Überraschung der diesjährigen Internationalen Messe von Saloniki: der in der Fläche und im Messesortiment sehr eindrucksvolle erstmalige Aufmarsch der UdSSR- und Satelliten-Industrie. Mehr als 60 v. H. der gesamten Ausstellungsfläche waren von der UdSSR, von der Tschechoslowakei, von Ungarn und der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands belegt. Den Löwenanteil beanspruchte die Sowjetunion, die einen fast lückenlosen Querschnitt ihrer Industrieproduktion zeigte: landwirtschaftliche Maschinen, riesige Raupenschlepper, Fernsehempfänger, Kameras und – Kaviar. In der Mitte stand neben dem einem frühen Cadillac nachempfundenen ZIM auch der "Moskwitsch" – d. h. der gute brave "Olympia" von 1936 –, allerdings viertürig und mit Lenkradschaltung. Sicher geht man nicht fehl in der Annahme, daß ein beträchtlicher Teil der in Saloniki gezeigten Messegüter mehr oder weniger eine ideelle Kriegsbeute aus Deutschland darstellten. Aber wer hat, der hat – muß man hier nach den Erfahrungen der Nachkriegszeit sagen ...

Nach den Sowjets folgte die Tschechoslowakei mit einem großen Aufgebot an Maschinen, Motoren, Fahrzeugen und – Gablonzer Bijouterie. Weniger zeigte Mitteldeutschland (aber im Rahmen der Messe war es noch immer einer der Großstände), das zusammen mit der’CSR wohl am ehesten den Handelsaustausch mit Griechenland intensivieren könnte.

Die Bundesrepublik, der größte Abnehmer griechischer Erzeugnisse und einer der größten Lieferanten für den griechischen Bedarf, trat nur mit wenigen bedeutenden Akzenten hervor,geboten im Freigelände von den Einzelständen deutscher Großfirmen wie Lanz, Hanomag, MAN, Bosch, und u.a. Mercedes. Der chwächste Akzent war wohl der deutsche nformationsstand, ein im Chor der übrigen Nationen wenig auffallendes. Ereignis. Er war mit den Mitteln der Selbstbescheidung des Jahres 1946 ausgestattet Die Bedeutung der Bundesrepublik als Handelspartner Griechenlands und als des bei weitem größten Abnehmers griechischer Erzeugnisse kam überhaupt nicht zum Ausdruck. Wie diese Fehleinschätzung der in diesem Jahr gegebenen Messesituation und der allgemeinen politischen Bedeutung der diesjährigen Ausstellung zustance kam, ist unerklärlich. Bedeutende und weltbekannte deutsche Großfirmen traten noch nicht einmal mit ihrem Namen in Erscheinung. Vor dem Hintergrund des Ostblockangebots war es eine peinliche Panne, außerdem – nach Lage der Dinge – auch eine politische Fehlleistung.

Seit dem Auftreten der Sowjets und der Ostblockstaaten ist die Messe von Saloniki nämlich zu einer politischen Angelegenheit geworden. Nur ein Land wurde dieser neuen Lage schon jetzt gerecht – England. Sein Stand war neben dem sowjetischen der bedeutendste und größte der Ausstellung. Ebenso wie der sowjetische Botschafter war auch der englische Botschafter in den ersten Messetagen überall zu sehen. Demgegenüber beschränkten sich die Amerikaner, die mehr als zwei Mrd. Dollar in den griechischen Wiederaufbau investiert haben und die wirtschaftlichen Lebensretter dieses Landes wurden, als offizielle Teilnehmer auf die Wiederholung ihres vorjährigen Informationsstandes zur Werbung für die Verteidigungsanstrengungen und die Leistungsideale unserer Welt. Nach dem Eindruck dieser Ausstellung scheint bei einem großen Teil des Publikums das Bild der "russischen Dampfwalze", das im ersten Weltkrieg entstand, wieder aufgefrischt worden zu sein. Jedoch haben die Griechen ein waches kritisches Bewußtsein, dem Dampfwalzen wenig imponieren. Auf der anderen Seite sind die großen sozialenProbleme Griechenlands von einer Lösung noch weit entfernt, und die weltmarktabhängige Bevölkerung Nordgriechenlands, dessen Hauptstadt Saloniki ist, hat seit jeher einen größeren Anteil kommunistisch Gesinnter aufgewiesen als andere Landesteile.