Von Paul Hübnerfeld

Ist banal in manchem Falle etwas anderes als banal? Das ist die bange Frage, die sich mancher Leser bei manchem modernen Roman vorlegt. Schon bei Hemingway war das schwierig, aber Gott sei Dank sind wir aus den Schwierigkeiten heraus: seit der große Erzähler zu den "Klassikern" der Moderne gerechnet wird, weiß jeder, daß die "Banalität" seines Stils eben nicht Banalität ist: dafür kann men sich bei jedem, nun noch neu erscheinenden Roman Hemingways von vornherein stark machen, ohne befürchten zu müssen, ein spöttisches Gelächter zu ernten.

Was aber soll man zu solchen Sätzen sagen: "Ich habe mich doch nicht verspätet?" fragte sie. "Oh, wenn Sie bloß wüßten", fügte sie hinzu... "Was?" – "Ich bekomme einfach keine Einladungen mehr", beklagte sie sich. – "Unsinn!" – "Jetzt leider nicht mehr. Es ist kein Unsinn", betonte Annabel noch einmal...

Diese banalen Dialogstellen sind zu finden in dem Roman von

Henry Green: "Schwärmerei" ("Doting") im Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main (315 S., etwa 12,– DM); ins Deutsche übertragen von Friedrich Burschell.

"Schwärmerei", 1952 geschrieben, ist der zweite Roman aus dem knappen Dutzend des heute 49jährigen englischen Schriftstellers Henry Green, der ins Deutsche übersetzt wird. Der erste, "Dämmerung", erschien vor einem halben Jahr und machte uns Deutsche zum erstenmal mit der seltsamen Banalität Greens, der eigentlich Henry Yorke heißt und Direktor einer Firma für Brauereiinstallationen ist, bekannt – mit einer Banalität, die von dem neuen Buch noch übertroffen wird.

Dies ist die Geschichte von Arthur und Diana Middleton, einem seit fast zwanzig Jahren verheirateten Londoner Ehepaar, das einen 16jährigen Sohn Peter hat. Es ist aber auch die Geschichte eines jungen Mädchens namens Annabel Paynton, des Witwers Charles Addinsell, der seiner Frau übelnimmt, daß sie bei der Geburt des Sohnes gestorben ist, und der jungen Miß Belaine, einer Freundin der Annabel Paynton. Eigentlich aber ist es gar keine Geschichte, denn es passiert nichts – oder besser: es passiert nur so alltäglich Banales, daß der eben zitierte Stil tatsächlich, die einzige legitime Aussageform für das dünne Geschehen scheint: Mister Arthur Middleton verliebt sich (mit Maßen) in Ann Paynton; das junge Mädchen interessiert sich (mit Maßen) für Mister Middleton. Mister Addinsell schwärmt (mit Maßen) ebenfalls für Ann Paynton, als der Freund Arthur sie ihm vorstellt; Ann Paynton interessiert sich dafür auch (mit Maßen) für Mister Addinsell – aber er schwärmt auch etwas weniger temperiert) für die Frau seines Freundes, für Diana. Nur die Beziehungen, die jetzt noch aufgezählt werden, sind eine Idee zu heiß für die kühle englische Herbstluft: einmal die sich am Schlüsse des Buches anbahnende Beziehung des Witwers Addinsell zu Miß Belaine, Annabels Freundin, die zu einem Verhältnis wird, wie man es auch in Paris nicht handfester haben könnte, und zum andern die von der ersten Seite des Romans an geschilderte Intrigiersucht Diana Middletons, die ständig die jungen Mädchen gegeneinander und gegen die beiden "älteren Herren" ausspielt.