J.K.Z., Belgrad, im Oktober

In den letzten Wochen macht sich überall in Jugoslawien eine merkliche Preiserhöhungswelle für eine große Reihe von Waren bemerkbar. So sind u. a. die Erzeugnisse der Textilindustrie im Vergleich zum Dezember des Vorjahres im Durchschnitt um 5,2 v. H. teurer geworden; Kunstseidenstoffe stiegen sogar um 14 bis 20 v.H., und bei Baumwollstoffen beträgt der Preisanstieg 8 bis 10 v. H. Aber auch die wichtigsten Lebensmittel haben sich verteuert: Rindfleisch hat im Preis um 14,9, Hammelfleisch um 12,5 und Schweinefleisch um 14,4 v. H. angezogen. Die Belgrader Zeitung "Wetscherne Nowosti" stellt dazu fest, daß die Gründe für diese Preiswelle durchaus nicht in den Schwankungen der Weltmarktpreise zu suchen seien, sondern ihre Ursachen im Lande selbst haben. Wenn man es auch nicht offen schreibt, so ist damit doch wohl die schleichende Wirtschaftskrise gemeint, von der Jugoslawien in den letzten Monaten immer stärker erfaßt wurde, weil das verfehlte Investitionsprogramm den wirtschaftlichen Aufstieg erheblich behindert.

Das Erreichen der Hauptziele – die Entnivellierung der Einkommen, die Stärkung der Kaufkraft, die Normalisierung des Marktes und des Preismechanismus sowie die Sanierung der Außenhandelsbilanz – liegt in weiter Ferne. Welche Opfer und Entbehrungen dem jugoslawischen Volk noch heute aufgezwungen werden, um die Industrialisierung anzukurbeln, zeigt allein schon ein Blick auf die Lohnskala einer großen Gummifabrik, die für die gesamte jugoslawische Industrie repräsentativ ist, weil die Löhne von staatlicher Seite festgesetzt werden. Hier erhält der Direktor je Monat 20 000 Dinar (282 DM) als Gehalt. Ein leitender Angestellter bekommt 16 000 Dinar (226 DM), der leitende Ingenieur 18 000 Dinar (261 DM), ein Meister 11 000 Dinar (155 DM), desgleichen eine Sekretärin; ein hochqualifizierter Facharbeiter wird mit 8500 Dinar (120 DM) entlohnt und ein Durchschnittsarbeiter mit 7000 Dinar (99 DM). Im Vergleich dazu sei erwähnt, daß unselbständige Angestellte (etwa bei der Post oder bei der Bahn) je Monat 6000 Dinar (85 DM) verdienen.

Es ist in Jugoslawien nahezu unmöglich, daß ein Arbeiter von seinem Einkommen seine Familie unterhält. Zwar zahlt der Staat für jedes Kind, soweit es in der Ausbildung steht, ein Kindergeld von monatlich 3000 Dinar, aber zusammen mit diesem Kinderzuschlag macht das Einkommen eines Facharbeiters doch erst 11 500 Dinar aus. Eine dreiköpfige Familie verbraucht allein etwa 10 000 Dinar im Monat für Nahrungsmittel, und dabei sind die Mahlzeiten des jugoslawischen Arbeiters keineswegs etwa mit deutschen Verhältnissen zu vergleichen. In den Fabriken ist es ein alltägliches Bild, daß Arbeiter und Angestellte in den Werkpausen trockenes Brot essen, denn dem Arbeiter bleiben nach Abzug der Kosten für die Ernährung nur noch 1500 Dinar für Miete, Anschaffungen und sonstige Ausgaben; Das reicht selbst für die primitivsten Bedürfnisse nicht, und so ergibt sich in den meisten Familien für die Frau der eiserne Zwang, zur Verbesserung der Einkünfte auch ihrerseits mitzuarbeiten.

Um eine 100-Gramm-Tafel Schokolade für 180 Dinar kaufen zu können, muß ein jugoslawischer Arbeiter oder eine Arbeiterin (beide erhalten gleiche Löhne) immerhin fünf Stunden arbeiten. Ein Mittagessen in einem kleinen Gasthaus kostet mit 300 Dinar einen Tagesverdienst und ein Glas Bier mit 35 Dinar immerhin einen Stundenlohn. Die Preise für industrielle Güter liegen dabei noch wesentlich höher als die Lebensmittelpreise: ein Fahrrad ohne Zubehör kostet 30 000 Dinar. Soviel verdient ein Fabrikdirektor in anderthalb Monaten. Ebensoviel kostet ein guter Anzug. Für ein einfaches gutes Kleid mittlerer Qualität muß eine Sekretärin schon ihren Monatslohn aufwenden Auch Perlonstrümpfe sind unwahrscheinlich teuer: ein Sekretärinnen-Monatsgehalt reicht gerade für fünf Paar.

Immer wieder schreiben die jugoslawischen Zeitungen, daß die Entbehrungen für den Wirtschaftsaufbau notwendige Opfer sind. Die Arbeiter hoffen, daß sich endlich einmal auch die ersten Erfolge am Horizont zeigen. Noch ist nichts davon zu spüren. Die Arbeiter hoffen weiter...