o. c., Bremen Über dem einsamen Wattenmeer vor dem Lande Wursten zwischen Weser- und Elbemündung rauscht in den Sommermonaten Tag und Nacht die Luft von Flügelschlägen. Brandgänse aus dem hohen Norden Europas, von der irischen Westküste, aus Sibirien und von den Gestaden an der Biskaya fallen geschwaderweise ein, um auf den Sandbänken der nahrungsreichen Krabbengründe, wo sonst nur die Seehunde wohlig in der Sonne dösen, die Mauser, in der sie nur schwimmen und laufen, aber nicht mehr fliegen können, zu überstehen. Zu Zehntausenden beleben dann die weißgefiederten Vögel mit ihrem brandroten Brustring, dem dunklen Kopf und Vorderhals das Schiefergrau der Nordsee. Und Tag und Nacht rauscht auch, seit der Große Knechtsand als Bombenziel der NATO-Luftstreitkräfte dient, der Tod geschwaderweise über ihnen. Im vorigen Jahr konnten die Bombenübungen mit Rücksicht auf die unter Naturschutz stehenden Vögel für die Dauer ihrer Hilflosigkeit gestoppt werden. Deutsche und englische Ornithologen hatten sich mit Erfolg dafür eingesetzt. Vergebens waren ihre Anstrengungen in diesem Jahr. Die englischen Dienststellen verlangten handfeste Beweise für tatsächliche Verluste unter den Brandgänsen. Da das Übungsgebiet aber drei Stunden vor und nach den Bombenabwürfen nicht aufgesucht werden darf, und die Flut innerhalb von sechs Stunden die getöteten Vögel auf das Meer hinausträgt, war man auf gelegentliche Funde angewiesen, die das wahre Ausmaß des Massakers nicht erkennen ließen. Zu spät konnte Professor Drost, der Leiter der deutschen Zentralstelle für Seevogelschutz bei der Vogelwarte Helgoland, jetzt berichten, daß man allein in diesen Tagen neben zerfetzten Seehundsleichen 3726 tote Brandgänse gezählt habe. Die Mauser der gefiederten Gäste – ihre Zahl schätzt man auf Hunderttausend, wovon nur etwa drei Prozent in Deutschland beheimatet sein dürften – hat sich in diesem Jahr verspätet. Man befürchtet daher Gesamtverluste von mehreren Zehntausend, falls der Tod nicht doch noch Startverbot erhält.