In der 71. Plenarsitzung des Hessischen Landtags am 6. Oktober überraschte Finanzminister Dr. Heinrich Troeger die Abgeordneten mit der Nachricht, daß er das zinslose Darlehen an die Sozial, demokratische Partei Deutschlands in Höhe von 2,5 Millionen DM nicht auszahlen werde. Dieses Darlehen sollte als Vorschuß auf Restitutionsforderungen der SPD für ihre im Jahre 1933 entschädigungslos enteigneten Parteiverlage gelten.

Dr. Troeger kündigte eine Ersatzlösung an: Die vor den Wiedergutmachungskammern schwebenden Prozesse der SPD gegen das Land Hessen sollen durch Vergleiche möglichst bald abgeschlossen und der SPD alsdann 50 v. H. der gerichtlich festgestellten Schadenssumme bis zum Betrage von zwei Mill. DM ausgezahlt werden. Der Finanzminister wollte aber um keinen Preis den Eindruck aufkommen lassen, er mache diesen Vorschlag aus besserer Einsicht. Darum wandte er sich in einer längeren Rede gegen die scharfe Kritik, die das Darlehen bei den Oppositionsparteien und in einem Teil der Presse erfahren hatte. Auch DIE ZEIT (Nummer 39 vom 30. September: "Zinn contra Hessen, zweieinhalb Mill. DM für die sozialdemokratische Presse") hatte sein Mißfallen erregt. Der Minister meinte, DIE ZEIT habe verkannt, daß jenes Darlehen nichts weiter als eine Tat christlicher Nächstenliebe an der sozialdemokratischen Partei sein sollte: "Als ich das las, meine Damen und Herren", sagte er, "habe ich mich gefragt, ob der Redakteur vielleicht einmal Lukas Kapitel 10 gelesen hat. Sie wissen, dort kommt vor: Liebe deinen Nächsten als dich selbst." Und dann folgt als Erläuterung das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. " "Und was macht Herr Heinrich David, wenn ich ihn in diese Situation Heinrich Er spuckt auf den Menschen, der unter die Räuber gefallen ist, oder vielleicht auch auf den Samariter.

Da haben wir also die authentische Interpretation des hessischen Finanzministers für die christliche Nächstenliebe. Es ist die Liebe der sozialdemokratischen Minister zu ihrer Partei. Lukas Kapitel 10 berichtet: "Ein Samariter aber reiste und kam dahin. Und da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden und goß drein Öl und Wein und hob ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein. Des anderen Tages reiste er und zog heraus zwei Groschen und gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: pflege sein. Und so du was mehr wirst dartun, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme."

Der hessische Finanzminister scheint eine merkwürdige Vorstellung von der Veränderung der Kaufkraft jener zwei biblischen Groschen zu haben, wenn er meint, aus christlichen Erwägungen zwei Mill. DM für den Samariterdienst der Regierung an der sozialdemokratischen Parteizentrale in Bonn aufbringen zu müssen.

Heinrich David