Der Verfasser dieses Artikels, Professor Dr. Stroomann, ist als Leiter und Chefarzt des Sanatoriums Bühler-Höhe weithin bekannt. In folgendem Aufsatz spricht er allerdings Erfahrungen aus, die er an anderen Stätten gewann, nämlich in einer süddeutschen Pflegeanstalt gemeinnützig, ger Natur. Es geht um Umwelteinflüsse auf Entstehung und Verlauf von Krankheiten.

Selten ist eine neue Krankheit bei den Ärzten und im Publikum so rasch durchgedrungen wie die sogenannte "Managerkrankheit" in den allerletzten Jahren. Schon gibt es von erfahrener Seite eine medizinisch-fachliche Monographie (Hochrein): "Managerkrankheiten" sind also Schädigungen durch akuten Verschleiß im Beruf. Die Patienten nehmen die Diagnose widerspruchslos entgegen. Fast wird sie ehrenvoll empfunden. Sie bedeutet ein Zuviel an Hergabe von Kräften für einen Betrieb, für eine Aufgabe: für andere. Ein Opfer wird so benannt.

Es wäre aber falsch, nur die zeitgemäß überhitzten Energien schuldig zu sprechen. Ganz offenkundig wirken Fehler auf dem Gebiet der Ernährung und der Flüssigkeitszufuhr mit: Sehen wir doch das gedunsene Antlitz dieser in ihrer Arbeit oft so bedeutsamen Männer, die noch vor wenigen Jahren straffe Züge hatten und die sich seit 1949 wieder der bürgerlichen "Norm" genähert haben. Wie viele haben sie durchaus überschritten, so daß die vielfältigen Erscheinungen des Falstaff-Typus zurückkehrten, den wir gar nicht mehr kannten.

Die Hetze, das Tempo, die Überspannungen und Aufregungen sind jedoch verschieden einzuschätzen, wie die Menschen verschieden sind und verschieden reagieren. Viel gearbeitet wurde in Deutschland immer. Und mit scharfem Rhythmus. Aber dieses Mal ist es doch wohl eine besondere Art von Rhythmus: Aus der Verschüttung aller Möglichkeiten, aus dem Chaos ging es steil in die Höhe. Dem abgeriegelten Dasein folgte unmittelbar das volle Licht für Leben und Arbeit: flutende Bewegung. Wie viele Menschen kamen aus dem Druck der Ostzone! Wieviel Erleben, wieviel Affekt ist dabei!

Es wäre verlockend, von anderen rhythmischen Entwicklungen zu sprechen: von dem rasenden Tempo, in dem sich der Verkehr entfaltet, ja überschlagen hat. Welche Anpassungen sind notwendig! Wir wollen aber jetzt vom geraden Gegenteil sprechen und fragen, was geschieht, wenn der Mensch aus den Rhythmen der Welt herausgenommen und der monotonen "rhythmuslosen" Umwelt einer Pflegeanstalt übergeben wird, mit ihrer abgemessenen einfachen Ernährung, Anstaltsabgeschlossenheit. "Sorgenfrei", versorgt. Aus dem Kampf in die "Befriedigung"; aus der Beachtung und Bewertung seiner Tätigkeit in die Anonymität und zu den Elendsgestalten, die sich nicht mehr selber helfen können!

In der Anstalt wird der Mensch abgegeben, als Insasse untergebracht. Es sind "körperlich und geistig sieche und pflegebedürftige Leute", "die durch die Fürsorgeämter – früher Armenbehörden – überwiesen werden". Wir meinen jene Anstalten, die "Unterbringung" bedeuten: Unterbringung des Abbaues, der sozialen Hilflosigkeit. Warren auf den Tod. Eine Behandlung erfolgt nur im Krankheitsfall. Wissen wir, wie der Abstieg im einzelner, weitergeht, ob die Krankheiten in der Anstalt anders verlaufen, als draußen in der Welt?

Die Krankheiten verlaufen von Grund am anders, oft so günstig, daß wir daraus wahrscheinlich Nutzen ziehen könnten für die Behandlung unserer Kranken im täglichen Geschehen. Das wissen wir, seit Georg Klemperer, der frühere Berliner Kliniker, 1925 eine Arbeit des Schweizer Anstaltsarztes Charles Widmer (Versorgungsanstalt Neuenkirch bei Luzern) veröffentlichte. Klemperer, allem Neuen zugängig, nannte diese Arbeit "weitab von der gewohnten Art medizinischen Denkens", "eigenartig" und empfahl sie dem "Aufmerken" der medizinischen Leser.