a. n., Bunzlau

Einen schlechten Scherz erlaubte sich zu Beginn dieses Jahres die amtliche polnische Nachrichtenagentur (PAP), als sie verkündete, der Wiederaufbau der niederschlesischen Stadt Bunzlau werde bereits in Kürze beginnen. Mehr als neun Jahre nach Kriegsende und nach der "Rückkehr der polnischen Westgebiete zum Mutterlande" lag "Boleslawiec", wie Bunzlau heute genannt wird, vergessen in tiefem Trümmerschlummer. Von den einstigen 20 700 deutschen Einwohnern verblieben knapp 200, die seit 1945 mit 750 angesiedelten Polen in Ruinenkellern und den wenigen erhalten gebliebenen Häusern am Stadtrand ihr Dasein fristen. Jetzt endlich hat sich das Architektenkollektiv vom "Stadtprojekt" Wroclaw (Breslau) ihrer erbarmt und ihnen ein "grandioses Aufbauprogramm" vorgelegt, das sich über einen Zeitraum von acht Jahren erstreckt.

Die von Herzog Heinrich I. 1223 gegründete Stadt wurde kurz vor Kriegsende durch sowjetischen Artilleriebeschuß und die Widerstandsaktionen der zurückflutenden deutschen Truppen fast völlig zerstört. Von der Innenstadt blieben nur neun Häuser und das vierhundertjährige Rathaus am Ring erhalten. Das Zentrum der Zerstörungen liegt in der Gnadenberger Straße, Antonienstraße, Haynauer Landstraße und Burghausstraße, auch die Wohnhäuser am Oberen Markt brannten nieder. Die evangelische und katholische Kirche wurde vor vier Jahren provisorisch ausgebessert – Polen und Deutsche arbeiteten gemeinsam, um den Verfall der Gotteshäuser zu verhindern.

Ob sich jemals wieder die Bunzlauer Töpferei, im 15. Jahrhundert aufgenommen, von dem Schicksalsschlag erholen wird, hängt ausschließlich von den polnischen Wirtschaftsplanern in der "Wojewodschafts-Hauptstadt" Breslau ab. In absehbarer Zeit ist es jedoch ausgeschlossen, daß in Bunzlau wieder die bekannten braunglasierten Geschirre hergestellt werden. Die zu Beginn der Jahrhundertwende ins Leben gerufene "Keramische Fachschule", die einstmals sogar Schüler aus China und Japan aufwies, ist gleichfalls zerstört. Die Tonlager in der Löwenberger Kreidemulde sind verfallen, in den Gebäuden der Baukeramik in Siegersdorf (jetzt "Zebrzydowa") hausen gegenwärtig polnische Rekruten.

Den einzigen Broterwerb für die Polen und Deutschen in Bunzlau bilden die mühselig in Gang gebrachten Handwerksbetriebe und die von den Polen verstaatlichte Kleinindustrie. Die Eisengießereien, Spinnereien und die erst kürzlich angekurbelte Sandsteinindustrie ernähren knapp sämtliche Einwohner. Der schmal bemessene Etat der polnischen Stadtverwaltung Bunzlaus verhinderte die restlose Enttrümmerung des Stadtgebietes und noch heute müssen wöchentliche "freiwillige" Enttrümmerungsaktionen durchgeführt werden. Wer monatlich 600 oder 700 Zloty verdient, gilt bereits als wohlhabend; selbst die Parteifunktionäre beziehen niedrigere Gehälter als ihre Genossen in anderen niederschlesischen Städten.

Beschwörung liegt in den Aufrufen der Stadtverwaltung an die Einwohner, das "urpolnische " Bunzlau nicht zu verlassen und abzuwandern. Hunderte Polen sind in den vergangenen Jahren zur Industrie nach Oberschlesien übergewechselt, als sie merkten, daß Bunzlau vorläufig noch eine tote Stadt bleiben wird. In der Umgebung läßt es sich leichter leben, vor allem in der Landwirtschaft; in Eichberg (Dabrowa), Naumburg (Nowogrodziec) und Haynau (Chojnow) haben sich des beschwerlichen Lebens in Bunzlau überdrüssig gewordene polnische und zurückgebliebene deutsche Einwohner niedergelassen.

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen hat sich weiterhin gebessert, der von der kommunistischen Propaganda geschürte Haß gegen die Deutschen ist kaum noch zu spüren. Die tiefe Not nach Kriegsende hat die Menschen zusammengefügt.