D. L., London‚ im Oktober

Schon vor der Konferenz des International Monetary Funds in Washington wußte man, daß die Hoffnungen und Spekulationen auf eine baldige Konvertierbarkeit von Sterling verfrüht waren. Man ist im Commonwealth noch nicht so weit, und wenn Schatzkanzler Butler nach seiner Rückkehr in London sagte, daß sich die 56 IMF-Mitglieder nähergekommen Seifert, dann ist dies zweifellos nur so gemeint, daß jetzt die Konturen der verschiedenen Vorstellungen klarer erkennbar sind.

Die größten Schwierigkeiten liegen nach wie vor in der Abhängigkeit Großbritanniens vom Handel mit den Commonwealth-Ländern, ihren strukturell unterschiedlichen Wirtschaftsfaktoren und dem Mangel an ausreichenden Währungsreserven, ohne die eine Lösung aus diesem Abhängigkeitsverhältnis nicht denkbar ist. Die Empfehlungen des IMF (Ausgleich der Außenhandelsbilanzen, Schaffung von Währungsreserven und Zwischenschaltung einer transitorischen Periode zur Neufestsetzung der Importlizenz – und Zollbestimmungen) nahmen daher auch auf die spezifischen Verhältnisse des Britischen Empire besondere Rücksicht. Aber die Aufhebung der Sonderbestimmungen über die Beschränkung der Dollarimporte würde der britischen Industrie, abgesehen von den Zöllen, den wichtigsten Schutz nehmen und die Landwirtschaft würde noch mehr als bisher auf staatliche Subventionen angewiesen sein. Die Abschaffung der Empire-Vorzugszolltarife für britische Güter würde diese Märkte der Weltkonkurrenz aussetzen, und hinzu käme, daß bei einer allgemeinen Konvertierbarkeit nach den Empfehlungen des IMF die Gefahr eines Dollarreservenschwunds besteht, wenn nämlich, wie 1925 und 1947, die Sterlingerlöse in die Dollarwährung konvertiert werden, was befürchtet werden muß, nachdem die meisten Märkte (und besonders die des Commonwealth) einen beträchtlichen Hunger nach Dollargütern haben...

Großbritannien scheint entschlossen zu sein, eher die Konvertibilität von Sterling als Wunschtraum zunächst abzuschreiben, als ein Risiko einzugehen, das zum Auseinanderfall des Sterlingblocks führen könnte. Hinzukommt, daß es auf der IMF-Konferenz offenbar wurde, daß die Commonwealth-Länder keinesfalls so ohne weiteres die britischen Interessen teilen und schon aus finanziellen Gründen bereit sind, der Abschaffung der Vorzugstarife und der Dollareinfuhrbestimmungen zuzustimmen, ein Umstand, der die britische Position in Washington ziemlich beeinträchtigte.

Als sich die britische Delegation in Washington verabschiedete, fuhr ein Teil sofort nach Ottawa, um dort die jährliche Colombo-Plan-Konferenz mit den Commonwealth-Mitgliedern abzuhalten. Einen Tag später, am 5. Oktober, eröffnete Schatzkanzler Butler die Wirtschaftskonferenz des Commonwealth in London. Hier standen naturgemäß die kommenden GATT-Verhandlungen im Mittelpunkt, und es ist von äußerster Wichtigkeit für Großbritannien, daß sich die Finanzminister bis zum 28. Oktober auf ein gemeinsames Konzept einigen. Das Programm Butlers ist daher auch mehr oder weniger ein Vorgriff auf die GATT-Konferenz, wenn auch nur auf der Ebene des Commonwealth: 1. Weitere Zulassung der Empire-Vorzugstarife; 2. Schutz der Industrien in unterentwickelten Territorien; 3. Währungskontrolle bei Ländern mit geringen Währungsreserven; 4. Imquoten zur Mengen-Einfuhrbeschränkung.

Mr. Butlers fünf Punkte mögen zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch als interne Konferenzthemen angesehen werden können, doch besteht nur wenig Zweifel, daß sie, wenn auch ein wenig modifiziert, in Genf als britische Ausgangsbedingungen vorgebracht werden. Damit aber würde Großbritannien eine Taktik anwenden, die weniger von wirtschaftlichen als von politischen Notwendigkeiten diktiert ist und nachträglich den Stimmungswechsel in britischen Regierungskreisen bestätigt. War nämlich das Fazit der IMF-Konferenz die Erkenntnis, daß sich die Konvertierbarkeit von Sterling nicht innerhalb von Monaten durchführen läßt, dann wird die britische Regierung logischerweise die Konvertierbarkeit und sämtliche neuen Abmachungen der kommenden GATT-Konferenz bis zu einem nach den Parlaments wählen liegenden Zeitpunkt verschieben müssen und die Zwischenzeit ausnützen, um weitere Dollarreserven zu sammeln. Denn selbst unter den günstigsten wirtschaftlichen Konstellationen muß der Konvertibilität zunächst eine negative Reaktion der Sterling-Währung folgen, die, innenpolitisch gesehen, die Wiederwahl der konservativen Regierung gefährden würde.