Mit diesem Beitrag, den uns ein Auslandsdeutscher aus Indien geschickt hat, schließen wir die Diskussion über das Verhalten der Deutschen im Ausland.

Kharagpur, im Oktober

Viele kritische Äußerungen über das Verhalten unserer Landsleute im Auslande scheinen die wahren Verhältnisse nicht richtig wiederzugeben. Man darf nicht vergessen, daß nicht nur die Deutschen, sondern auch die Angehörigen aller anderen Nationen kritisch betrachtet werden, wenn sie sich außerhalb ihres Landes bewegen. Es kommt daher nur darauf an, ob sich die Deutschen durchschnittlich schlechter verhalten als andere Nationen. Schließlich kann und soll auch keiner seine Eigenart in fremder Umgebung vollständig unterdrücken. Doch gibt es so etwas wie ein internationales Benehmen, dessen Grenzen nicht überschritten werden dürfen. Für das "nationale Benehmen" gilt aber im Prinzip genau dasselbe.

Was fällt nun an uns Deutschen im Auslande besonders auf? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir unsere Landsleute zunächst in zwei sehr verschiedene Gruppen zerlegen. Die einen sind die oft in Massen auftretenden Touristen, die hauptsächlich ins Ausland fahren, um einem gewissen Freiheitsbedürfnis Genüge zu tun und einmal etwas anderes zu sehen und zu erleben als in ihrem Heimatland. Die anderen sind die beruflich Reisenden, denen schon allein das Bewußtsein einer Pflichterfüllung ein ernsteres Verhalten auferlegen dürfte.

Zweifellos ist der Eindruck von in großer Zahl reisenden Touristen im Auslande meist nicht günstig. Für uns Deutsche kommt hinzu, daß wir erst wieder seit einigen Jahren "im großen" in andere Länder fahren dürfen, die uns bis dahin nur von Einzelbesucher kannten. Nun befinden sich unter den Massenbesuchern fremder Länder stets viele, die die einfachsten Regeln des Verhaltens im Ausland (und im Inland!) nicht kennen. Mit einer typisch deutschen Eigenschaft hat dies aber nichts zu tun. Es ist eine Frage der Quantität, nicht der Qualität. Wo beispielsweise Amerikaner in großen Massen auftreten, hört man auch sehr kritische Urteile, Massen reden viel, fallen auf, verstopfen die Quartiere. Der einzelne fühlt sich in der Masse sicherer, möchte sich dann gern in Szene setzen, kleidet sich zu auffällig, fängt an zu prahlen oder laut zu kritisieren.

Der im Ausland beruflich Tätige dagegen wird kaum in dieser Weise unangenehm auffallen. Ihm wird aber vorgeworfen ("DIE ZEIT" vom 19. 8. 1954), er rufe häufig bewußt oder unbewußt den Eindruck hervor, als wolle er die starke deutsche Arbeitsdynamik weniger dynamischen Völkern als nachahmenswertes Beispiel geradezu aufzwingen. Gut, nehmen wir diese Arbeitsdynamik ruhig als Tatsache. Wenn von zwei Partnern der eine rührig ist, der andere mehr phlegmatisch, so können sich beide über einander ärgern. Der Rührige wird aber natürlich eher versuchen, den anderen zum Tätigsein zu bekehren als dieser den Arbeitsamen zur Faulheit. Daraus kann man aber kaum ein charakteristisches Übel der Deutschen herleiten.

Was uns vor dem Kriege oft wirklich unbeliebt gemacht hat, war die Großmannssucht gewisser Übernationalisten, die ja heute kleiner geworden sind und hoffentlich niemals wieder hochkommen werden. Solche Schreier richten aber auch, wenn sie ihren Mund im Inland auftun, großes Unheil im Ausland an. Wenn man also schon von "den" Deutschen im Ausland und ihren ungünstigen Eindruck spricht, so sollte man diese Totengräber unseres Volkes nicht vergessen, die oft "aus Prinzip" gar nicht ins Ausland gehen, weil sie sich für zu gut halten, und die sogar Landsleute zu diffamieren versuchen, nur weil diese mit anderen Völkern zusammenarbeiten.