s. l., Berlin

Stalinallee, 7. Oktober: auf den Gehsteigen vor den Wohnpalästen promenieren die Menschen in dichten Haufen. Die Kachelfassaden sind mit roten Fahnen drapiert, zum 27. Male in diesem Jahr. Man feiert den fünften Geburtstag der Sowjetzonenrepublik.

Diesmal hatten die Veranstalter zwar nicht auf eine Kundgebung, doch auf Marschkolonnen verzichtet. Ein "Fest des Friedens und der Freude" wollten sie feiern, und so ist der Ostsektor ein riesiger Rummelplatz geworden. Vielleicht war die organisatorische Großmut indessen zu voreilig. Denn Molotow traf überraschend zum Fest ein, und als er auf der Tribüne am Marx-Engels-Platz seine russische Rede hielt, drängten sich daher Massen und Transparente längst nicht so dicht wie sonst.

In der Stalinallee warteten die Leute vor improvisierten Bühnen ungeduldig auf das! Ende der Kundgebung, die von Tonsäulen übertragen wurden. Erst nachdem Molotow dreimal "Freundschaft" gerufen, nachdem drei andere Redner geendet hatten, durften die Blaskapellen einsetzen, die Tänzer und Artisten auftreten.

Doch nicht die Orchester und Seiltänzer waren die Attraktion des Tages, nicht die raren Räucheraale und Bananen und auch nicht das nächtliche "Höhenfeuerwerk". Die Sensation, die die Ostberliner stumm staunen ließ, nahte vom Straßburger Platz herüber: Ein paar Herren in Zivilkleidung, zwei Dutzend vielleicht, bogen in die Stalinallee ein, wanderten freundlich nickend mit dem Menschenstrudel über den Gehsteig. Einige Leute blieben stehen, andere schlossen sich der Gruppe an, und wir reckten die Hälse. Ein Junge schrie aufgeregt: "Kiek der Olle mit dem Kneifer, det is Molotow!" und sein Freund tippte an die Stirn: "Mensch, doch nich ohne Absperrung!"

Es war wirklich Molotow. Blauer Mantel, grauer Hut; die Arme um drei kleine Pionier-Mädchen gelegt in väterlicher Pose, wie sie Diktatoren lieben, lächelte er uns zu, und neben ihm ging strahlend Grotewohl. Dahinter ein Halbdutzend weiterer Prominenz Ulbricht, der zum Festtag die gewohnte Ballonmütze mit einem braunen Velourshut vertauscht hatte, und Nuschke, gegen dessen Schulter uns die Menge drängte. Keine Absperrung weit und breit, nirgends ein Polizist (obschon gewiß viele in Zivil dabei waren), so wanderten sie gemächlich über die Stalinallee, mitten zwischen den Passanten, ein Rudel älterer Herren.

Die Menschen waren sprachlos. Einige klatschten zaghaft, ein paar riefen "Freundschaft", die meisten guckten nur neugierig. Nach einem Kilometer Fußmarsch schwenkte die Gruppe hinüber zum Café Warschau, und wir blieben bei einer Würstchenbude zurück. Neben uns tupfte eine Frau Senf aufs Würstchen und murmelte: "Richtiger Zirkus heute wat?"