Von Wolfgang Krüger

Auf der im April dieses Jahres durchgeführten Jahresversammlung des "Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft", also vor einem Forum vornehmlich in der Praxis der Wirtschaft stehender Persönlichkeiten, gab der Schweizer Gelehrte und Geschichtsphilosoph Jean Gebser eine viel beachtete Diagnose der geistigen Situation der Gegenwart. Gebser sprach damals von einem sich in unseren Tagen vollziehenden grundlegende: Strukturwandel, der alle Bereiche, also auch den Raum der Wirtschaft, erfaßt habe und der sich auf die allgemeine Formel bringen ließe, daß das dualistische Prinzip, das seit Beginn der Neuzeit das europäische Denken bestimmte, seine absolute Geltung verloren habe. Es zeige sich heute immer deutlicher, nicht zuletzt als Ergebnis umwälzender Entdeckungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet, daß jene Dualismen (Mensch und Welt, Seele und Körper, Individuum und Gemeinschaft, Energie und Masse), mit denen der moderne Mensch sich die Wirklichkeit und ihre Probleme greifbar zu machen versuchte, das sind, was der Soziologe Tritsch "falsche Alternativen" genannt habe. Die neue und umfassendere Art der Wirklichkeitserfassung, die vor allem in uns Europäern jetzt zum Durchbruch komme, beziehe wieder das "Ganze" in ihr Blickfeld ein, das Ganze als das allem sich getrennt Gegenüberstehenden innewohnende und darum zusammenordnende Prinzip.

In der Evangelischen Akademie Loccum waren in diesen Tagen "junge Männer und Frauen der Wirtschaft" zu Gast, die sich mit eben diesem "Ganzen", anders gesprochen mit dem metaphysischen Hintergrund unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens (Thema: "Gesellschaft ohne Metaphysik?") auseinandersetzten. Die Diagnose zwar, die man dort in Loccum zur gegenwärtigen Situation entwickelte, war, mit mancherlei Differenzierungen nach der einen und anderen Seite, wie sie sich nun einmal im Gespräch ergeben, nicht so hoffnungsvoll. Die Sorge, daß der "Schwund an metaphysischer Gesinnung", verursacht durch die "hemmungslose Entfesselung der menschlichenDenckraft" und des "nur auf Konsum gerichteten Produktionsprozesses", zur endgültigen Zerstörung der Ganzheit des Menschen und damit der Gesellschaft zu führen droht, war der beherrschende Gedanke dieser Unterhaltungen. Aber die Tatsache doch, daß es, wie auch dieses Mal wieder in Loccum, heute nicht mehr schwer ist, Menschen, die in der Front des wirtschaftlichen Alltags stehen, trotz Zeitnot und anderer Bedrängnisse zum gemeinsamen Nachdenken über Fragen zu bringen, die mit der Technik des Produzierens und Verkaufens nicht so ohne weiteres im Zusammenhang stehen, scheint uns doch mehr eine Bestätigung für die freilich etwas revolutionär anmutende These von Gebser zu sein: daß wir alsobereits mitten im Durchbruch zu einer neuen Wirklichkeits- und Wirtschaftsauffassung stehen. "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch..."

Nun hat es allerdings schon früher Menschen gegeben – auch Menschen, die in der Wirtschaft standen –, die sich Zeit zu Stunden der Besinnung nahmen. Die Kirche hat es sich stets sehr angelegen sein lassen, dem Sonntag neben dem Alltag seinen Platz zu sichern. Was uns "neu" und eben zu Hoffnungen im Sinne von Gebser zu berechtigen scheint, ist die andere Tatsache, deren man in Loccum einsichtig werden konnte, daß dieser Raum menschlicher Besinnung heute nicht mehr dem Tätigsein in der "Welt" und ihren Erfordernissen "alternativ" entgegengestellt, sondern als jener Bereich verstanden wird, der den Menschen zwar nach innen bindet, der aber nur nach außen, d. h. also im Hier und Jetzt konstituiert werden kann. Mit anderen und vielleicht etwas abgegriffenen Worten, die man uns aber in Loccum gewiß nicht übelnehmen wird: die Wirtschaft und das Geldverdienen wird heute auch aus der Schau der Kirche – war es einmal nun ein Mißverständnis oder wirklich so? – nicht mehr als "Dienst am Götzen Mammon" attackiert, sondern als der Raum gesehen, in dem sich der Mensch als Persönlichkeit zur bewähren hat.

Das ist der sehr fruchtbare Ansatz der Wirtschaftler-Gespräche in Loccum. Denn der religiöse Bereich erweist sich ja nur so lange als das wirklich Umgreifende und das "Ganze" ist nur so lange wirklich "ganz", als es alle Fakten in sein Blickfeld einbezieht, sie also nur bindend ordnet und nicht verfälscht –, wie es heute die herkömmliche Sozialpolitik mangels tieferer "metaphysischer" Fundierung ihres Anliegens mit den Gegebenheiten der Wirtschaft macht. In Loccum jedenfalls diskutiert man wirtschaftliche Probleme mit einem bemerkenswerten Realismus – was immerhin doch registriert zu werden verdient, wenn man sich vor Augen hält, in wie dilettantischer Weise sich heute noch andernorts geistige Titelträger und nicht zuletzt Politiker mit gewissen Realitäten unseres Wirtschaftslebens auseinanderzusetzen versuchen.

In weitgefaßter Formulierung wurde dieser Standort der Kirche, oder besser der Standort des Menschen, wie er heute von der Kirche in besonderem Bezug auf die Wirtschaft gesehen wird, in Loccum so angesprochen: der Mensch existiert – und zwar in jedem Augenblick – im Schnittpunkt zweier Dimensionen, deren Spannung er ausgesetzt ist und die er aushalten muß. Jedes Ausweichen nach der einen oder anderen Seite macht die Probleme unlösbar. Die Auseinandersetzungen zwischen Kapitalismus und Kommunismus, zwischen Individualismus und Kollektivismus, die heute im sozialen Raum und im Weltmaßstab über uns als Damoklesschwert zerstörerischer Machtkämpfe hängen, sind deswegen so unfruchtbar, weil beide Ideologien keine klare Vorstellung von dieser Doppelorientierung des Menschen haben und darum den einzelnen und die ihm zugeordnete Gemeinschaft, Freiheit und Ordnung einseitig verabsolutierend als "falsche Alternativen" einander entgegenstellen. Sie erweisen ich damit als bis zu letzter Konsequenz zu Ende gedachte "Endlehren" einer Epoche, deren begrenzte und nur materielle Horizonte wir nun zu durchbrechen scheinen – im Sinne jener Synthese, die wir als das nun tragende und in der Tat in die Zukunft weisende Programm der Veranstaltungen in Loccum zu erkennen glauben.