Der deutsche Großstädter, der von der Bank of England her nach dem Themseufer hinuntergeht, fühlt sich mitten in der Londoner City wie zu Hause – in wenig erfreulicher Weise freilich: auf der einen Seite Trümmer, auf der anderen Seite gar nichts und ringsherum notdürftig wieder zurechtgeflickte Häuserblocks. Deutlich hat der Krieg hier seine Spuren hinterlassen, und der Wiederaufbau macht viel langsamere Fortschritte, als wir das zu erwarten gewöhnt sind. Hier und da wird aber doch ein Haus wiederaufgebaut – "Haus" heißt in der City: einer der riesigen Häuserblocks, die nicht immer schön, aber diesem Zentrum des britischen Handels- und Geschäftslebens angemessen sind. So erhielt die "Legenland Property Company Limited" am 25. Januar dieses Jahres die offizielle Bauerlaubnis "zur Errichtung eines Gebäudes auf der von Queen Victoria Street, Bucklersbury, Canon Street und Walbrook begrenzten Baufläche, das Bucklersbury Haus heißen soll und höher sein darf, als im Gesetz vorgesehen". Wenig ahnte man damals, daß die Frage der Höhe später noch einmal eine wichtige Rolle spielen sollte.

Seit Monaten waren schon auf dem Baugelände in der City ein paar Archäologen an der Arbeit, die im Auftrage des 1946 gegründeten Arbeitsausschusses für römische und mittelalterliche Ausgrabungen in London die günstige Gelegenheit, daß nichts mehr auf dem Boden dieses ältesten Teiles von London stand, dazu benutzten, einmal nachzuschauen, ob nicht vielleicht darunter etwas zu finden sei. Die Leitung der in beschaulichem Tempo vorangehenden Arbeiten hatte Mr. Grimes, der Direktor des Londoner Museums. – Von all dem wußten außer ein paar Archäologen nur die Börsenmakler und Stenotypistinnen, die jeden Tag auf dem Wege zum Büro an der Trümmerstätte vorbeikamen, wo die Bagger und Schlepper des Bauunternehmens dem Arbeitsfeld der Archäologen immer näherrückten. Auch als man im Juni bei den Ausgrabungen auf Grundmauern stieß, die als die eines römischen Tempels identifiziert werden konnten, nahm die Öffentlichkeit davon nur wenig Notiz.

Und dann kam plötzlich der Tag, an dem ganz. England von nichts anderem mehr redete als von diesem römischen Tempel in der City, der bald die politischen Ereignisse und die letzten Skandalgeschichten aus den Schlagzeilen der Zeitungen verdrängte und zum Anlaß wurde für Tausende von "Briefen an den Herausgeber", wie man sie in England so gerne schreibt. An diesem Tag, dem 18. September 1954, stellte sich nämlich heraus, daß dieses alte Tempelgemäuer nicht nur dem Fachmann interessant war, sondern auch die (übrigens durch vorzügliche archäologische Fernsehprogramme infizierten) Laien in einem Ausmaße erregte, wie es mit rational nachweisbaren Beweggründen sicher nicht zu erklären ist. Vielleicht hat auch die englische Passion für das Schlangestehen etwas damit zu tun. Die Schlangen jedenfalls wuchsen bis zu einer Länge von zwei Kilometern, und Polizei mußte eingesetzt werden, um den endlosen Strom der Besucher zu lenken, die viele Stunden ihrer freien Zeit dafür gaben, um fünf Minuten lang die Aussicht auf ein paar alte Mauerreste zu genießen, die für einen Laien doch kaum etwas anderes sein können als eben – ein paar alte Mauerreste.

Am 18. September wurde am Ostende des Tempels ein kaum Versehrter Marmorkopf gefunden, der – wie die Fachleute schnell feststellten – zu einer Statue des Gottes Mithras (auch Mithra) gehörte. Hatte die basilikaförmige Anlage des Tempels mit Hauptschiff und durch Reihen von je sieben Säulen abgetrennte Seitenschiffe, mit Apsis und Altarerhöhung, etwa 18 m lang und 6 m breit, bisher noch theoretisch die Möglichkeit einer frühchristlichen Gründung offengelassen, so war jetzt der Gegenbeweis erbracht.

Inzwischen weiß jeder Londoner Straßenbahnschaffner, wer Mithras war: Der persische Gott des Lichtes, der mit einer ganzen Reihe exotisch-orientalischer Gottheiten im Rom des ersten nachchristlichen Jahrhunderts ein starkes metaphysisches Glaubensbedürfnis befriedigte und sich etwa drei Jahrhunderte hielt, bis er vom Christentum verdrängt wurde. Auffallend dabei ist, daß der Mithras-Kult äußerlich vieles mit dem Christentum gemeinsam hatte: die Heilighaltung des Sonntags zum Beispiel und die Feier des 25. Dezember als Tag der Geburt des Gottes. Anderes war auch rein äußerlich schon recht verschieden: Frauen zum Beispiel waren von den höheren Weihen des Mithras-Kultes ausgeschlossen; auch Sklaven und arme Leute fanden in dieser etwas snobbistischen religiösen Gemeinde keinen Platz.

Man hat immer dazu geneigt, Mithras im Rahmen des römischen Imperiums vor allem für einen Soldatengott zu halten. In England waren die einzigen bisher bekannten Mithras-Tempel bezeichnenderweise in unmittelbarer Nähe der Hadriansmauer gefunden worden, die eine Art Verteidigungswerk der römischen Besatzungstruppen gegen die aufständischen Pikten des Nordens bildete. Der Londoner Tempel gibt jetzt den Archäologen zu denken. Seine Dimensionen gehen über den Rahmen des damals für Garnisonskirchen Üblichen hinaus und deuten auf die Möglichkeit hin, daß der Mithras-Kult auch für die Zivilbevölkerung eine größere Rolle spielte. Die neuesten Funde könnten zu einer noch weitergehenden Korrektur der bisherigen Auffassungen führen. Daß es sich bei der Verehrung des Mithras nicht um eine rein monotheistische Religion handelte, daß in seinem Gefolge noch andere fremde Götter nach Rom kamen – von Seeräubern eingeschleppt, wie Plutarch verächtlich bemerkte –, war bekannt. Nun ist aber der Kopf des ägyptischen Korngottes Serapis, der wichtigste von den neueren Funden, durchaus nicht weniger kunstvoll und prächtig ausgeführt als der des Mithras selbst, und die Theorie, daß der eine nur ein Trabant des anderen sei, stößt damit auf Schwierigkeiten.

Der Londoner Mithras-Tempel wurde also als bedeutendes historisches Dokument erkannt, einzig in seiner Art für England (in Deutschland wurde ein berühmter Mithras-Tempel in Frankfurt-Heddernheim ausgegraben); alles wurde abgemessen, aufgezeichnet, photographiert – und dann wollten die Bauunternehmer darangehen, nun endlich das Fundament für ihren Geschäftsblock zu legen, über die Trümmer des römischen Tempels, wie es der victorianische Bauherr des vorher dort stehenden Gebäudes offensichtlich auch getan hatte. – Der Schrei der Entrüstung, der daraufhin von London aus über ganz England sich verbreitete, war so laut, daß der Arbeitsminister Sir David Eccles dem Kabinett Bericht erstattete. – Das Schicksal des römischen Tempels wurde zur Haupt- und Staatsaktion. Die Stimme des Volkes, die sich auf einmal in so ungewöhnlicher Weise für architektonische Altertümer einsetzte, erfuhr Unterstützung dadurch, daß auf dem Tempelgelände immer neue Kostbarkeiten ans Licht des 20. Jahrhunderts gezogen wurden – außer den bereits genannten Göttern ein herrlicher Jünglingskopf aus grauem Marmor, der Unterteil eines Torso, eine überdimensionale Hand, eine kunstvoll gearbeitete Statuette, dazu Münzen, Spangen, Geräte, Ringe, Tafeln – mit jedem Tag wird die Liste länger.