Im Leben des dänischen Dichters H. C. Branner findet sich nichts Ungewöhnliches im biographischen Sinne: Am 23. Juni 1903 in Kopenhagen geboren, arbeitete er zunächst in einem Verlag, versuchte sich darauf als Schauspieler, was herrlich mißglückte, und widmete sich seit 1932 freier, schriftstellerischer Tätigkeit. Mit dem ersten Roman "Legetöj" (Spielzeug, 1936) hatte er gleich Erfolg. Es folgten eine Reihe Romane und Novellenbände, die sein Erzählertalent bestätigten und seine Position als Schriftsteller befestigten. Als die Nazisten Dänemark unterm Kriege besetzten, ging er in die Widerstandsbewegung. Seine Bücher waren beschlagnahmt worden. Die Gestapo machte Jagd auf den gefährlichen Träumer, der in die Illegalität untergetaucht war, und hetzte ihre Spürhunde auf ihn. Das Kriegserlebnis bestimmte seinen Werdegang als Mensch, Dichter und Kulturpolitiker.

Dieser Däne ist auch deutschen Lesern nicht ganz unbekannt. Die Verlage Rowohlt und Reclam gaben einige Bücher Brenners heraus. Als Zeitkritiker streitet Branner in jener Schar der isoliert Kämpfenden, die im "Niemandsland" zwischen den Fronten die Position des Individualisten verteidigen, die Freiheit des Denkens und Handelns, in einer Welt drohender Versklavung und totalitärer Gewaltsysteme!

Im Jahre 1944, als Hitlers Truppen das Inselland noch besetzt hielten, schrieb der Freiheitskämpfer Branner die Novelle "Angst". Sie ist kurz nach dem Kriege erschienen, aber der Verfasser hat sie wieder in den Novellenband"Bjergene" (Die Berge) einfügen lassen, weil sie mit der Titelnovelle das Atmosphärische gemeinsam hat, das Grauen der Kriegszeit und das Nachkriegschaos.

Branner schildert einen hilflos in seine Wortwelt eingesperrten Schriftsteller, der ein Freiheitsdrama schreiben will, während draußen vor den Fenstern dieses Drama in Fleisch und Blut geschrieben wird. Seine jüdische Frau kann die manische Gebundenheit an seine Scheinwelt nicht begreifen. Darum verläßt sie ihn. Sie haßt die toten, "impotenten" Worte ihres Mannes: "Wenn das Ganze vorbei ist und die andern tot sind, stehst du auf und sagst deine feinen Worte über sie..." Unser "Held" von der traurigen Gestalt (er nennt sich selbst einen Hamlet), bleibt allein zurück, allein mit den quälenden Visionen. Im großen, ergreifenden Monolog gibt er eine Art Apologie seiner "Feigheit".

Der Autor vereinigt in dieser Erzählung eine starke psychologische Beobachtungsgabe mit Klarheit und Prägnanz der Sprache. Obwohl er ein sehr raffinierter "Artist" ist, ein Meister des Stils, gestrafft in den Ausdrucksformen, hierin an Flaubert erinnernd – opfert er doch niemals dem rein Ästhetischen die Echtheit und Einfachheit menschlicher Empfindungen. Er versteht es ausgezeichnet, mit wenigen Strichen jene traumhaft-irrealen Stimmungen zu beschwören, welche alle Dinge und Ereignisse ins Halbdunkel des Zwielichtigen, hüllen, wie die Spukgeschichten E. A. Poes.

Die andere Erzählung "Bjergene" beginnt mit einem Sommerausflug des Ehepaares Vinnie und Claus. Sie kommen nach Konstanz, an den Bodensee. Claus will die Alpen sehen, die Berge der Sehnsucht. Schauplatz der Handlung ist ein Hotel. Als ihn die Frau für einen Augenblick verläßt, hört Claus einen Walzer. Ihm ist, als ob ein Schattendirigent ein unsichtbares Orchester führt. Wirklichkeit – sie verschwindet! Erinnerung steigt auf, warnende, düstere Erinnerung: Das Jahr 1946! Damals lebte er in Hamburg und München, erlebte er am eigenen Leib die Dämonie des Nachkrieges. Gebombte Städte, hungernde Menschen. Die Alpen verschwinden. Eine Metamorphose geschieht. Andere Bergformationen treten auf: Ruinenberge, Menschenberge. Nachts gleichen sie gespenstischen Ungeheuern, die auf Raub und Mord ausgehen. Da sind sie wieder, die Frauen, Mädchen, Kinder, stumpfe Gier in den Blicken. Willenlos verkaufen sie sich, für Zigaretten, für ein Lächeln, für die Gefälligkeiten der "Sieger". Da ist auch der armselige Kriegskrüppel, der von einem fahrenden Zug erfaßt und zermalmt wird. An seinem Tod ist Claus mitschuldig. Er hatte ihm Zigaretten gegeben, die auf den Schienenstrang gefallen waren.

So gestaltet der Dichter eine Höllenszene nach der andern; sie prägen sich ins Gedächtnis des Lesers. Wie die Bilder des Malers Goya zielen sie in ihrer Härte und Wahrhaftigkeit direkt in unser Herz. Unerbittlich enthüllt Branner das Panorama der Katastrophe. – Wie soll man nach solchen Katastrophen weiterleben? Der Dichter weiß keine Antwort. Der Himmel Gottes, den er anruft, gibt keine Antwort. Am Ende des Weges bleibt ein Desperado zurück, ein Chaplin, der einem Silberstreifen am Horizont nachblickt, einer winzigen Morgenröte, einer beschämend kleinen Hoffnung. Martin Sternschein.