Auf den jüngsten Kongressen verschiedener Industriegewerkschaften, nicht zuletzt bei der IG Metall in Hannover, wurden von amtierenden Mitgliedern der Verwaltungsspitzen Reden gehalten, deren Art in Ton und Wort sich zuweilen um keinen Grad von beliebigen sowjetzonalen Ansprächen unterschieden. Wir erinnern allein an die Ausführungen des Vorstandsmitgliedes der IG Metall, Heinrich Sträter, Dortmund, zur Frage der Entschädigung der Eigentümer bei einer Montan-Sozialisierung. Er forderte die Gewerkschaften auf, "bei der Überführung in Gemeineigentum die Eigentümer der Grundstoffunternehmen so zu behandeln, wie Sparguthaben und festverzinsliche Wertpapiere bei der Währungsreform behandelt wurden, also 10 : 1 bzw. 10 : 0,65. Das Wiederaufleben des alliierten Währungsdiktates nennt die IG Metall also eine Entschädigung.

Kann man einer Ideologie derartige Dinge übelnehmen, die die gleiche Mutter hat wie das Sowjetsystem und deren führende Männer durch die gleichen Schulen mit den gleichen Lehrern gegangen sind? Dennoch möchte die Führungsschicht der Sozialisten im Westen immer wieder vortäuschen, daß von ihr aus die alleinseligmachende "Abwehrfront" gegen den Bolschewismus aufgebaut werde. Diese Abwehrfront hat de facto die Form eines Steigbügels.

Was IG Metall jedenfalls in letzter Zeit vorexerzierte, ist "gedämpfter Bolschewismus". Im Grunde genommen handelt es sich nur um Nuancen in den Methoden, in den Ideologien aber besteht Einheitlichkeit. Die Wirklichkeit des roten Paradieses kommt jetzt in einem Brief an den DGB zum Ausdruck, den ein alter Gewerkschaftler aus der Sowjetzone kürzlich geschrieben hat. Er stellt darin die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse hinter dem Eisernen Vorhang dar und gibt zugleich ein vernichtendes Urteil über die Praxis der sozialistischen Ideologien. Dieser Brief ist (dankenswerterweise, allerdings vielleicht aus Irrtum) in einer Publikation des Deutschen Gewerkschaftsbundes verbreitet worden. Er lautet:

"Ich will Euch einige Begebenheiten aus unserem ‚Paradies‘ berichten. Bei uns ist Stalin Trumpf, denn die Russen haben uns ‚alle‘ Kultur gebracht, da wir Deutschen doch sozusagen auf dem Mond gelebt haben und der Bolschewismus die einzige Wissenschaft ist, die Geltung hat. Die Lebenshaltung des Volkes in der russischen Zone ist so ‚ausgezeichnet‘, daß wir vor ‚lauter Wohlstand‘ nicht mehr schlafen können; denn ein Pfund Butter kostet im HO 10 DM, Margarine 3,50 DM, Zucker 1,70 DM, ein Liter Milch 2 DM. Seit vier Wochen haben wir kein Fleisch mehr bekommen, da alles für die Leipziger Messe gebraucht wird, um die westdeutschen und ausländischen Besucher zu düpieren. In den Großbetrieben rumort es gewaltig, aber keiner darf etwas sagen, da er sonst als Saboteur ins Zuchthaus gesperrt wird. Die Leute in den Großbetrieben werden in der brutalsten Art und Weise ausgebeutet. Wer seine vorgeschriebene Norm nicht erfüllt, wird von einem 18- oder 19jährigen FDJ-Schnösel mit der Stoppuhr abgetastet, ob er auch sein möglichstes hergegeben hat. Ihr hättet das Murren dieser Leute einmal hören sollen, die nicht mehr ein noch aus wissen... In der Ostzone ist der Streik verboten, aber daß im Westen gestreikt werden soll, ist das größte Verlangen unserer Machthaber. In den Zeitungen ist nichts anderes mehr zu lesen, als daß im Westen alle Deutschen hungerten und daher um höhere Löhne kämpfen müßten. In den Großbetrieben ist überall Werkpolizei eingesetzt, die die Arbeiter bespitzelt ... Wenn ich nicht so alt wäre, hätte ich längst Schluß gemacht, denn es ist zum Verzweifeln, wenn man täglich diese Trostlosigkeit vor Augen hat und nichts ändern kann." Rlt.