Nachdem es noch kurz vor Herbstultimo so schien, als obdie monatelange Aufwärtsbewegung bei den Aktien zum Auslaufen gekommen sei und sich die Börse bis zum Jahresschluß auf eine Ruheperiode einstellen müsse, brachten die Londoner Verhandlungen – verbunden mit einer wieder wachsenden Geldflüssigkeit – neues Leben in die Märkte. Die Reaktionen auf die mögliche Wiederaufrüstung waren ungewöhnlich heftig, und manchmal verließen sie offensichtlich den Boden der Wirklichkeit. Auch bei allergrößtem Optimismus ist die Berechtigung eines Kurses von 55 v. H. für Industrie-Werke Karlsruhe (früher Deutsche Waffen) nicht einzusehen. Die Aktien notieren noch in RM, bei Berücksichtigung des Umstellungsverhältnisses von 5:2 liegt der DM-Kurs also bei 137,5 v. H.l Für ein Papier, das in absehbarer Zeit noch ohne Rendite bleiben wird, also wirklich ungewöhnlich. Ähnliche Kursblüten entstanden bei Rheinmetall, deren RM-Kurs zeitweilig auf 33 v. H. kam. Bei einem Umstellungsverhältnis von 5:1 bedeutet dies einen DM-Kurs von 165 H. Eine Dividende Ist hier ebenfalls vorläufig nicht zu erwarten. Beide Papiere wurden Inzwischen etwas zurückgenommen, notieren jedoch Immer noch über pari.

Inwieweit überhaupt die Aufrüstung zu höheren Bewertungen berechtigt, ist noch umstritten. Namentlich bei der Schwerindustrie könnten unter Umständen neue Investitionen notwendig werden, die gegebenenfalls zunächst einmal zu Lasten der Dividendenausschüttungen gehen müßten. Außerdem ist die eisen- und stahlverarbeitende Industrie ohnehin gut beschäftigt, so daß sie auf Rüstungsaufträge nicht angewiesen sein wird. Begrüßt werden dürften zusätzliche Aufträge jedoch von allen jenen Gesellschaften, die Ihre Kapazität nur mit Schwierigkeiten auslasten konnten bzw. von denen,/deren Kapazität sich ohne große Mühe ausweiten läßt. Deswegen Ist es begreiflich, wenn sich die Börse in stärkerem Maße als sonst für die Nebenwerte interessierte, die zum Teil beachtliche Kurssteigerungen aufzuweisen haben.

Nach vorübergehenden Realisationen tendierten Montano überwiegend fester. Diese Haltung hielt auch noch zu Beginn der neuen Woche an. Neue Höchststände verzeichneten Klöckner-Humboldt-Deutz mit 162, Stahlwerke Südwestfalen mit 139, Essener Steinkohle mit 119 und Harpener Bergbau mit 119. Die reinen Kohlenwerte konnten insgesamt aufholen, eine Folge der besseren Beschäftigung Im Bergbau.

Das Schwergewicht der Umsätze lag bei den IG-Farben-Nachfolger, bei denen die Kursentwicklung Infolge Ihres breiteren Marktes ausgeglichener war als die der anderen Marktgebiete. Die Nachfolger zogen stetig aufwärts, aber auch die Liquis konnten mit 40 1/2 v. H. ihren bisher höchsten Stand buchen. Bei ihnen wirkt sich der hohe Rheinstahlkurs ebenso aus wie die bessere Bewertung der Anteile der Chemische Werke Hüls.

Die Eektrowerte AEG und Siemens standen In den letzten beiden Wochen Im Zeichen der Hausse. Auslandskäufe haben hier den Ausschlag gegeben. Bei AEG ist der Grund für die Aufwärtsbewegung klar: Kapitalerhöhung. Bei Siemens, deren Stammaktien erstmalig die 200-Prozent-Grenze überschritten, rechnet man ebenfalls mit einer Verbreiterung des Grundkapitals und damit auf ein lohnendes Bezugsrecht. Die elektrischen Versorgungswerke entwickelten sich freundlich, wenn auch Im Falle HEW der Kursverlust aus der Ultimozeit noch nicht ganz wieder eingeholt werden konnte.

Stürmisch verlief in Autowerten die Bewegung bei BMW, die in der letzten Woche einen Sprung von 120 auf 135 v. H. machten, wobei immer noch nicht klar ist, wo die Ursache für die dringende Nachfrage liegt Der Anstieg bei Daimler von 171 1/2 auf 187 H. ist dagegen verständlicher, wenn man in Betracht zieht, daß das Werk in diesem Jahr beim Umsatz die Milliardengrenze überschreiten wird.

Zu Sonderbewegungen kam es bei den Baustoffaktiendie sich In Hoffnung auf steigende Dividenden in ihrer Bewertung der guten Konjunktur der Bauwirtschaft angepaßt haben. Stetig aufwärts kamen ferner die Bankenaktien.n. Dagegen kam es bei den Reichsbankanteilen und den Aktien der Dt. Golddiskontbank zu Uneinheitlichkeiten, nachdem man von einer Stellungnahme der Bonner Ministerien zur Frage der Entschädigung wissen, wollte, die höchstens eine Abfindung der Reichsbankanteilseigner ‚Im Verhältnis 10:6 vorsehen soll. Die Enttäuschung schlug den Reichsbankkurs von etwa 90 auf 82 zurück: zog jedoch später wieder auf 88 v. H. an.

Im Mittelpunkt des Rentenmarktes standen die Wandelanleihen, die die Aufwärtsbewegung der Aktien In gemessenerem Tempo mitmachten. Das Material in steuerbegünstigten Papieren bleibt knapp und mußte Im Zuge der wachsenden Nachfrage weiter heraufgesetzt werden. Die neu eingeführte 8prozentige Esso-Anleihe stellte sich zunächst auf 106 1/2 v. H. und wurde später bis auf 107 v. H. erhöht -ndt