Termingerecht" laufen in diesen Wochen in den Kinos der Bundesrepublik zwei Filme an: der deutsche "08/15 – Die abenteuerliche Revolte des Gefreiten Asch" und der amerikanische "Die Caine war ihr Schicksal". Beiden Filmen lagen Bestseller zugrunde: das deutsche Buch schrieb Hans Hellmuth Kirst und war damit so erfolgreich, daß jetzt schon in einer deutschen Illustrierten die Fortsetzung der Geschichte vom Gefreiten Asch erscheint, der da mittlerweile zum Wachtmeister avanciert ist; das amerikanische Buch dichtete Herman Wouk, der bisher allen Versuchungen, auch seinen Helden in einem zweiten Band weiterleben zu lassen, widerstand.

Beide Bücher sind hier in Deutschland eingehend und erregt besprochen worden. Unbestritten ist aber, daß Wouks Buch "Literatur" ist – Kirsts Roman dagegen in bestem Falle ein geschickter Reißer. Unbestritten ist aber auch, daß beide von ganz verschiedenen Aspekten dasselbe Problem erkennen, schildern und "sachgemäß" behandeln –: ein Problem, das man in Form einer Doppelfrage am einfachsten formulieren kann. Nämlich: Wie verhält sich der Zivilist als Soldat? Und wie verhält sich der Soldat (im Range eines Unteroffiziers oder Leutnants zum Beispiel), wenn er einen Zivilisten vor sich hat? – Bei dieser Problemstellung begreift man, daß beide Filme zur Zeit in Deutschland die Kinos auf Wochen hinaus füllen werden.

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In einer deutschen Kaserne des Jahres 1939, kurz vor Kriegsbeginn, dient der Gefreite Asch in einem Artillerieregiment. Als man seinen Freund Vierbein bis zum versuchten Selbstmord "schleift", "rächt" Asch sich: das gelingt ihm durch den Besitz von sechs Schuß scharfer Gewehrmunition, die beim Schießen abhanden gekommen sind und sich in seiner Hand befinden. Die Geschichte des Films ist die Geschichte der Lahmlegung des Kommisses durch diese fehlenden sechs Patronen. Der Gefreite Asch zeigt: Wer das Reglement wirklich kennt, der kann damit zum Ärger der Vorgesetzten allerlei anstellen, auch wenn er nur ein Gefreiter ist. Vielleicht wäre das ganze Artillerieregiment aus den Angeln der Diensvorschrift gehoben worden, hätte nicht ein kluger Major bewiesen, daß er das Reglement eben noch besser handhabt als der Gefreite, indem er den Revoluzzer aus Freundestreue – zum Unteroffizier ernannte.

Das ist die erste Geschichte, die zweite ist eindrucksvoller: Schauplatz ist der amerikanische Zerstörer "Caine", ein altes verbrauchtes Schiff, das sämtliche Einsätze im Pazifischen Ozean gegen die Japaner mitgefahren hat. 1944 erhält es einen neuen Kommandanten. Beim ersten Schießmanöver überfährt dieser Kommandant die Stahltrosse, an der die Schießscheibe hängt, weil er gerade damit beschäftigt ist, einen Matrosen "zusammenzubrüllen", dessen Hemdzipfel aus der Hose sieht. Von da an wissen die see- und kriegserprobten Offiziere der "Caine", die sämtlich Reservisten, also "Zivilisten" sind, mit wem sie es zu tun haben. Als der Kommandant bei einer Invasion amerikanischer Infanterie auf eine japanische Insel die Landungsboote zu früh im Stich läßt und aus Angst abdreht, ist er in den Augen seiner Offiziere nicht nur ein schlechter Seemann, sondern auch ein Feigling. Immer mehr setzt sich in ihnen die Meinung durch, der Kommandant sei krank und müsse abgesetzt werden. Da bringt ein Taifun den Zerstörer in höchste Gefahr: der erste Offizier setzt den Kommandanten auf der Brücke ab und übernimmt das Kommando. Als der Kommandant die übrigen Offiziere beschwört, auf den ersten Offizier einzureden, wenden sie sich ab: die Meuterei ist perfekt – das Schiff gerettet.

Zweimal also kämpfen hier Zivilisten gegen sture, sogar das Leben der Untergebenen bedrohende Vorgesetzte: die Vorgesetzten im deutschen Regiment schikanieren ihre Leute so, daß es beinahe zu einem Selbstmord kommt, der Vorgesetzte der amerikanischen Marine bringt Schiff und Besatzung durch Unfähigkeit in Lebensgefahr. Ist deshalb die Revolte des Gefreiten Asch und die Meuterei der "Caine"-Offiziere berechtigt? Hört Gehorsam genau da auf, wo in den Augen des Untergebenen Schikane oder gar gefährlicher Unsinn beginnt?

Im Falle des Gefreiten Asch lösen weder das Buch noch der Film das Problem. Asch wird durch einen Trick des Majors – seine Beförderung zum Unteroffizier – überspielt. Hatte nun der Romanautor Kirst noch alles getan, das ungelöste Problem zumindest als Problem klar vorzustellen, so bemüht sich der Drehbuchautor des Films, Ernst von Salomon, in jeder Weise, diese Grundfrage zu verdecken. Durch einige geschickte Streichungen "dynamithaltiger" Buchpointen hat er mit alter Filmroutine einen Militärschwank à la "Schütze Bumm in Nöten" gefertigt, nicht bedenkend, daß er das hohe Niveau des Schriftstellers Ernst von Salomon damit in einer Weise strapaziert, die wir ihm nicht leicht vergessen können. So sitzen denn die 18jährigen in den deutschen Kinos, etwas peinlich überrascht vom brüllenden Gelächter der Älteren, die an dem Schwank da oben auf der Leinwand, ihre alte "Es-war-alles-nurhalb-so-schlimm"-Theorie festigen. Den Jungen aber kommt es sehr schlimm vor, ein groteskes Kasperle-Theater, in dem sie die Hampelmänner spielen sollen; sie können sich nicht entschließen, darüber zu lachen. Es war klug von Theodor Blank, daß er sich diesen Film ansah; es war noch klüger, daß er, kaum aus dem Kino, spontan sagte: so würde es nie wieder werden, dafür werde er sorgen!