Von Herbert Eisenreich

Nicht selten, wenn wir ein Stück Natur betrachten – den menschlichen oder einen tierischen Körper, einen Grashalm, den Sternenhimmel –, sprechen wir dann von einem Kunstwerk. Gleichermaßen spüren wir darin das scheinbar Chaotische, das wild Wuchernde, das vital Sinnlose, und das dennoch, darin regierende Prinzip, die wohlbedachte Ordnung, die Hand des Schöpfers.

Ganz ähnlich wirken die Bücher William Faulkners auf den Leser, zumal der jüngst von Erich Franzen meisterhaft ins Deutsche übertragene Roman

"Die Unbesiegten" (bei Scherz & Goverts, Stuttgart, 275 Seiten, 14,80 DM),

der im Jahre 1939 die zweite Schaffensperiode des Dichters eingeleitet hat. Für den ersten Blick ist es reine Natur ‚was das Buch uns bietet; aber dahinter spürbar wird das Walten eines ungemein diffizilen Kunstverstandes.

Wieder greift Faulkner zurück in die Geschichte seiner Heimat und erzählt aus der Perspektive eines heranwachsenden Knaben heraus, vom Bürgerkrieg. Früh lernt Bayard, der Sohn des kämpferischen Oberst Sartoris, das Töten; er lernt, sich in einer Welt der niedergebrannten Häuser und der verfallenden Sitten zu behaupten; aber am Ende lernt er noch etwas anderes: daß kein Sieg auf der Erde wirklich wichtig ist außer dem Siege über sich selbst. Und er lehnt es ab, Rache zu nehmen; er hört auf, die Schuld des Menschen weiter zu vermehren.

Und wie ist das erzählt! Bilder von archaischer Kraft und Schlichtheit gelingen ihm da, wie dieses: Der zwölfjährige Bayard und der gleichaltrige Negerjunge Ringo haben auf einen heranrückenden Yankee geschossen, dessen Kameraden durchsuchen das Haus, finden die Jungen aber nicht, denn die Großmutter, in ihrem Lehnstuhl sitzend, hat die beiden unter ihren großen weiten Rock genommen. Der sodann eintretende Offizier durchschaut den Schwindel, aber ergriffen von der Situation unterläßt er es, der alten Dame eine Peinlichkeit zu bereiten ... Und als die Großmutter später, bei dem Versuch, den Yankees ein paar Maultiere abzuluchsen, ums Leben kommt, wird mit den folgenden Worten davon berichtet: "Ich erinnere mich nicht daran, die Tür überhaupt berührt zu haben, weil der Raum zwei Fuß höher lag als der Erdboden, so daß ich gegen die Schwelle rannte und nach vorwärts gegen und durch die Tür auf meine Hände und Knie fiel, und dann erblickte ich Großmutter. Auf einer Holzkiste brannte ein Talglicht, aber ich roch den Pulverdämpf noch mehr als den Talg. Mir war, als ob ich vor Pulvergeruch nicht atmen könne, während ich auf Großmutter schaute. Lebend hatte sie klein ausgesehen, aber jetzt sah sie ganz zusammengesunken aus, als ob sie nur ein Gefüge von lauter kleinen, dünnen, harten, gewichtlosen Holzstöckchen gewesen wäre, die man mit einer Schnur umwickelt hatte, und jetzt wäre die Schnur gerissen und all die kleinen Holzstöckchen wären zusammengefallen und lagen in einem stillen Häufchen auf dem Boden und jemand lätte ein sauberes, verblichenes Kattunkleid darübergebreitet." – Oder von dem Neger Loosh heißt es einmal: "... wie er da hockte und die sengende, glanzlose Sonne auf seinen Eisenschädel und seine flach auslaufende Nase schien, sah er weder mich noch Ringo an; es war, als ob seine geröteten Augen sich in seinem Schädel umgedreht hätten und wir die weiße, leblose Rückseite der Augenbälle erblickten."