Obwohl die Anfänge der Kunststoffindustrie im vorigen Jahrhundert liegen, hat ihre eigentliche, allerdings sehr stürmische Entwicklung erst vor etwa 25 Jahren begonnen. 1930 betrug die Welterzeugung von Kunststoffen noch 90 000 t 1953 waren es bereits rund 1,8 Mill. t, ein Aufschwung, der ohne Beispiel in der Industrie ist, Dabei steht die Kunststoffindustrie – und das ist der Eindruck der Kunststofftagung 1954, die augenblicklich in Stuttgart abgehalten wird – noch immer in den Anfängen ihrer Entwicklung,

Während in der Anfangszeit die Artikel für den täglichen Gebrauch vorherrschten – das erste Erzeugnis aus Kunststoff waren Billardkugeln –, ist später der technische Einsatz von Kunststoffen sehr stark in den Vordergrund gerückt. Er wird weiter zunehmen, und in ihm liegen auch die Chancen der Kunststoffwirtschaft für die künftige Entwicklung. Zwei Tatsachen sind es besonders; die die derzeitige Situation auf dem Kunststoffgebiet kennzeichnen und es nachhaltig beeinflussen: einmal die Verarbeitung der Kunststoffe als Werkstoffe für ingenieurmäßige Verwendungszwecke, der Einsatz als Rohstoff für die Herstellung synthetischer Fasern und der Verbrauch zur Herstellung von Verpackungsmitteln; zum anderen interessieren sich jetzt in verstärktem Maße Unternehmen, die sich bisher mit der Verarbeitung anderer Werkstoffe befaßten, für die Verarbeitung von Kunststoffen. Das ist eine ganz offensichtliche Tendenz, die einen wesentlichen Fortschritt im Interesse der Kunststoffe mit sich bringt.

Unter den neuen Interessenten am Kunststoff befinden sich auch sehr kapitalkräftige Unternehmen, und es ist anzunehmen, daß durch sie die Entwicklung auf dem Kunststoffgebiet weiter wesentlich vorangetrieben wird. In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß 1953 von dem westdeutschen Kunststoffverbrauch nur etwa ein Viertel von der eigentlichen kunststoffverarbeitenden Industrie zu Fertigerzeugnissen verarbeitet wurde. Der Rest und selbstverständlich auch ein wesentlicher Teil der Kunststoff-Fertigerzeugnisse geht in fast alle Zweige von Technik und Wirtschaft. Die verstärkte Hinwendung des Ingenieurs zu den Kunststoffen ist eine Folge der zunehmenden Erkenntnisse über Materialeigenschaften und Verarbeitungsmethoden der Kunststoffe. Der Konstrukteur kann die Kunststoffe jetzt ohne Gefahr von Rückschlägen als Konstruktionselemente verwenden, ja er muß es sogar tun, wenn er nicht hinter der technischen Entwicklung zurückbleiben will.

Unter den Kunststoffentwicklungen aus der neueren Zeit sind zwei Gruppen von besonderem Interesse für die Verwendung als Konstruktionselemente: die mit Glasfasern oder Glasgeweben verstärkten Polyesterharze und die Schaumkunststoffe. Beiden Gruppen war daher auch je eine Vortragsreihe auf der diesjährigen Kunststofftagung gewidmet. Die technische Entwicklung der ungesättigten Polyesterharze ist vor allem in den USA vorangetrieben worden; seit einiger Zeit wird ihnen auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Diese Harze kommen zur vollen Wirksamkeit ihrer Eigenschaften erst in Verbindung mit Einlagen von Glasfasern oder Glasgeweben. Die Glasfasereinlagen geben den Kunststoffen im wesentlichen eine hohe mechanische Festigkeit. Aber auch die übrigen Eigenschaften der Glasfasern sind für den Kunststoff von Bedeutung, wie z. B. die Wärmebeständigkeit, das Dämpfvermögen und die elektrische und thermische Isolierfähigkeit. Der wesentliche Vorteil dieser Harze ist es, daß auch komplizierteste Formen in einem Arbeitsgang hergestellt werden können. Im Bootsbau, einem besonders in den USA entwickelten Anwendungsgebiet, hat sich gezeigt, daß die Bauzeit bei Verwendung von Polyesterharzen nur ein Zehntel der Bauzeit in Holzausführung dauert. Das Gewicht beträgt weniger als die Hälfte der Holzboote gleicher Großen. Dabei ist die Widerstandsfähigkeit so groß, daß es nicht gelingt, die nur 5 mm starke Bordwand mit einem Zuschlaghammer zu zertrümmern.

Bei dem in den USA gebauten Sportwagen, der eine Kunststoffkarosserie besitzt, haben sich Einsparungen von rund vier Mill. $ an Einrichtungskosten ergeben. Zur Zeit liegt die Grenze für eine wirtschaftliche Fertigung von Kunststoffkarosserien in den USA bei 15 000 Stück im Jahr. Man hofft, sie weiter auf 25 000 Stück erhöhen zu können. Für Deutschland liegen zur Zeit noch andere Verhältnisse vor. Es ist aber durchaus möglich, daß in naher Zukunft auch hier mit Kunststoffkarosserien zu rechnen ist. Zumindest dürften sich sämtliche deutschen Automobilfabriken mit diesem Problem befassen. Polyesterharze bringen vor allen Dingen erstmalig die Möglichkeit, großflächige und großvolumige Kunststoffteile herzustellen. Die Verwendungsmöglichkeiten sind recht vielseitig. Sie reichen von derKunststoffkarosserie und dem Bootsbau über Behälter, Apparate, Badewannen, Fensterbänke, Wandverkleidungen und Rohrleitungen bis zu Gegenständen verschiedenster Art und Verwendungszwecke.

Die Schaumstoffe aus Kunststoffen haben gegenüber den in der Natur vorkommenden Leichtstoffen den Vorteil, daß sie allseitig gleichmäßig beansprucht werden können, während z. B. Balsaholz, ein natürlicher Leichtstoff, nur in der Faserrichtung bevorzugte Festigkeitseigenschaften hat. Schaumstoffe können aus verschiedenen Kunststoffen erzeugt werden. Sie haben dementsprechend – auch verschiedene Eigenschaften und lassen sich weich und hart herstellen. Starre Schäume haben eine so hohe Festigkeit, daß sie als Stützelemente verwendet werden können. Für den Konstrukteur ergeben sich damit neue Wege für einen ausgesprochenen Leichtbau. Die zur Herstellung der Schaumstoffe notwendigen Komponenten werden getrennt angeliefert und am Ort der Verarbeitung vermischt. Damit verlagert sich die Verantwortung für die Qualität der Produkte zum Teil vom Erzeuger zum Verarbeiter. Es ist dies eine neue und interessante Entwicklung auf dem Kunststoffgebiet, deren Folgen und Auswirkungen noch gar nicht abzuschätzen sind. Auch hier zeigt sich wieder, daß die wirtschaftliche und technische Vervollkommnung der Kunststoffe dem Anfang nähersteht als dem Ende ... Lothar Franzke