Wir geben alle subjektive Auswahl von Formen auf und bereiten die Verwendung eines objektiven-universalen Gestaltungsmittels vor", so bekannten 1922 die Wortführer der holländischen Künstlergruppe "De Stift", die 1917 von dem Maler, Schriftsteller und Theoretiker Theo van Doesburg in Leiden gegründet worden war. Die in mehreren Manifesten propagierte Forderung nach einem neuen konstruktiven Gemeinschaftsstil, der Kunst und Leben eng verbinden sollte, hatte anfangs in Deutschland ein lebhaftes Echo. Die Ideen des "Stijl" erreichten über das Weimarer Bauhaus, das den radikaleren Holländern allerdings romantisch vorkam, auch die jungen deutschen Architekten und Maler. Aber eine dauernde Nachfolge hat die Stijl-Bewegung bei uns nicht gefunden. Nur Vordemberge-Gildewart (geboren 1899 in Osnabrück), der 1923 zur Stijl-Gruppe stieß und seit 1938 in Holland lebte, hat vom Beginn seiner malerischen Laufbahn bis auf den heutigen Tag konsequent die ursprünglichen Ziele der längst verstorbenen Pioniere des "Stijl", van Doesburg und Mondrian, weiterverfolgt. Ihm wurde sogar im Gegensatz zu den meisten seiner Freunde vergönnt, die pädagogischen Absichten des neuen Stils im künstlerischen Lehramt zu verbreiten. 1952 erhielt Vordemberge-Gildewart an der Rotterdamer Akademie den Lehrauftrag für "Farbe als raumbildendes Element in der Architektur", und in diesem Jahr holte ihn Max Bill an die Ulmer Hochschule für Gestaltung.

Die erste Ausstellung von Gemälden Vordemberge-Gildewarts aus den Jahren 1923 bis 1954 findet jetzt in der Kölner Galerie Ferdinand Möller statt. Sie vermittelt einen vollkommenen Überblick des gereiften und geschlossenen Werkes von drei Jahrzehnten. Die ältesten Arbeiten des Künstlers stehen eindeutig im Zeichen des historischen Konstruktivismus, der nach dem ersten Weltkrieg die Erbschaft’der Kubisten antrat. Vordemberge-Gildewart klebte Zeitungsausschnitte in die Malerei und applizierte Reliefformen, wie es damals auch Léger, Picabia, Schlemmer und andere taten. Seine "Konstruktion in Glas und Metall" von 1924 unterscheidet sich jedoch in einer Hinsicht grundsätzlich von den parallelen Bemühungen: seine Formen haben keinerlei figurative Bedeutung. Sie deuten keine Maschine und keinen funktionierenden Apparat an, sondern sie sind zweckfrei und rein artistisch zusammengefügt, um die Gestaltung einer Fläche und ihr Verhältnis zum darauf aufbauenden Raum zu demonstrieren. Vordemberge-Gildewart hat später seine mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und in empirischen Experimentreihen durchgeführte Malerei ganz den kompositorischen Untersuchungen gewidmet. Alle Formprobleme, die im Bilde auftreten können, sind von ihm einmal aufgegriffen und beispielhaft gelöst worden, angefangen von der Bestimmung des optimalen Bildformates für das Kompositionsprojekt bis zur Textur der lichterfüllten Farbflächen. Dabei bediente er sich nur einfacher, eindeutiger und klarer Formen, die durch ihren geometrischen Charakter ein hohes Maß an "Objektivität" besitzen. In äußerster Konzentration auf eine von keinen Assoziationen zur Umwelt berührte, im hellsten Bewußtsein vollzogene und vom Verstand kontrollierte Malerei wird eine geistige Leistung anschaulich gemacht. E. Trier