Von Gerhard Thimm

Meldungen amerikanischer Korrespondenten aus Moskau bestätigen, daß Malenkow beschlossen hat, sämtliche Amtssitze von Staat und Partei vom Kreml in die neuen Regierungs-Wolkenkratzer zu verlegen, von denen einer sechsundvierzig Stockwerke hoch werden soll. Dieses Vorhaben der Sowjetregierung ist, wie berichtet, zum ersten Male durch eine Äußerung des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Nikolaj Chruschtschow, gegenüber Clement Atlee bei einem Kreml-Besuch der britischen Labour-Delegation bekanntgeworden. Unser Mitarbeiter, Autor des Buches "Das Rätsel Rußland", schildert seine Besiehe auf dem Kreml, von denen der letzte im Juni 1941, unmittelbar vor Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges, stattfand.

Der Kreml ist ja nicht nur eine Burg; er ist eine kleine Stadt für sich, mit Schlössern und Palästen und mittelalterlichen Straßenzügen. Die weiten Anlagen auf dem hohen Ufer der Moskwa mit ihrer mehr als zwei Kilometer langen, von neunzehn Türmen bewehrten Mauer haben ihr Vorbild im "Ordu", dem tatarischen Zeltlager. Übrigens stammt der Name "Kreml" aus dem Tatarischen, ebenso wie das Wort "Horde" von "Ordu" abgeleitet ist. Ferner muß man sich erinnern, daß es nicht nur in Moskau, sondern auch in anderen russischen Städten einen Kreml gibt. Der Moskauer Kreml allerdings ist sprichwörtlich für die "Selbst- und Alleinherrschaften Rußland geworden. Er wurde dies in demselben Maße, in dem Moskau nach und nach die "Teilfürstentümer" verschlang und zum Kernstück des russischen Staates wurde. Als diese Staatswerdung sich unter Peter dem Großen vollendete, mußte Moskau freilich vor dem neuerbauten Petersburg zurücktreten, bis es 1918 nach der Oktoberrevolution seine alte Vormachtstellung wiedergewann. Als die Genehmigung zur Besichtigung des Kreml-Schatzes vorlag, wurde im "Narkomindjel" bis auf die Minute genau der Zeitpunkt vereinbart, an dem der Besucher mit seinem Auto das der Innenstadt zugewandte Borowitzker Tor passieren durfte. So fuhr ich durch das gleiche Tor, durch das 1812 Napoleon in den Kreml eingeritten war. Dies war auch stets der Weg für ausländische Diplomaten, wenn sie zu den Sitzungen des Obersten Rates, des aus zwei Kammern bestehenden sowjetischen Parlamentes, eingeladen wurden. Dann konnten sie sich in zwei "Schwalbennestern" an den hohen weißgetünchten Wänden des Andreas-Saales zusammendrängen und abzählen, ob alle Machthaber von Regierung und Partei versammelt waren. Fehlte ein Haupt, so galt dies als Zeichen, daß wieder ein Mann von Rang in Ungnade gefallen war. Wir Journalisten suchten in den nächsten Tagen dann jedesmal emsig in der "Prawda" (dem allmächtigen Parteiblatt) und der "Iswestija" (dem offiziösen Regierungsblatt) nach einer knappen amtlichen Bestätigung. Übrigens war es nie sonderlich interessant, vom "Schwalbennest", zu dem auch die Journalisten Zutritt hatten, den Sitzungen des "Obersten Rates" zuzuschauen. Stalin spielte hier die Rolle des primus inter pares und gab sich zwanglos "demokratisch". Zwar verzichtete er auf Fahneneinmarsch und Transparente, wie wir das damals in Deutschland gewohnt waren, aber er verlangte endlose Reden und automatische Gesetzesbewilligungen, die immer wieder von Beifall unterbrochen wurden, wenn der Name Stalin genannt wurde. Dann klatschte Stalin ebenfalls in die Hände, so als wolle er die Ovationen, bescheiden abwehrend, zurückgeben.

Diesmal aber, als ich zum Kreml fuhr, die Schätze zu besehen, war es doch eine andere Sache. Ganz allein fuhr ich durchs Borowitzker Tor. Außer der Torwache war keinerlei uniformierte Bewachung zu sehen. Ein höflicher Mann in Zivil empfing mich; drei unauffällige "GPU-tschiki", ebenfalls in Zivil, folgten in respektvollem Abstand.

Zunächst ging es den Weg entlang, der auch zu den Sitzungen im Andreas-Saal führte. Wir kamen zur Rückseite des Hauptschlosses. Zur Linken öffnete sich hinter einem hohen Gitter mit vier Torbogen ein Durchblick in eine mittelalterliche Kleinstadtstraße, die fast deutsch anmutete. Auch hier stand kein Posten, und der Besucher durfte ein paar vorsichtige Schritte näher treten. Die Frage, ob hier Stalins Wohnung gelegen sei, wurde mit einer unbestimmten Handbewegung bejaht.

Diese Wohnung, bestehend aus vier Räumen, sah zum ersten Male ein prominenter Gast aus dem Westen, als Winston Churchill mitten im Krieg, im August 1942, mit dem zwangsläufig verbündeten Beherrscher des Kreml zusammentraf. Churchill war mit dem unangenehmen Auftrag gekommen, Stalin klarzumachen, daß die von ihm immer dringender geforderte "zweite Front" von den westlichen Alliierten noch nicht errichtet werden konnte, ohne die gesamte alliierte Strategie zu gefährden. Es war eine gespannte Situation, und Churchill konnte Stalin erst überzeugen, als er ihm den Plan der Unternehmung "Fackel", des Angriffs von Nordafrika aus gegen Italien, auseinandersetzte. Am Abend vor Churchills Abreise, als sich die Atmosphäre in einer letzten Unterredung erhellt hatte, lud Stalin den britischen Premier überraschend zu einem Abschiedstrunk in seine Wohnung ein. Es wurde eine russische Nacht daraus, mit viel Wodka und "Sakusska" (Imbiß). Um 2.30 Uhr morgens verließ Churchill den Kreml, eine Stunde später saß er im Flugzeug. "Mein Kopf hämmerte", so heißt es in seinen Erinnerungen, "bei mir etwas ganz Ungewöhnliches." Stalin hatte Churchill die Wohnung gezeigt: ein Eßzimmer, ein Arbeitsraum, ein Schlafkabinett und ein großes Badezimmer. Alles war "einfach und vornehm" ausgestattet. Bei Tisch wurden die Gäste von einer alten Haushälterin und einem hübschen rothaarigen Mädchen bedient, Stalins Tochter Swetlana. Um 1.30 Uhr morgens wurde ein großes Ferkel serviert, über das Stalin sich mit guten Appetit hermachte. Es schien Stalins übliche Essenszeit zu sein, verzeichnet Churchill. Im übrigen konnte sogar Churchill, dieser erprobt aufmerksame Beobachter, keine genauen Angaben machen, wo im weiten Kreml die Wohnung eigentlich lag.

Meinem Begleiter schien mein Verweilen am Eingang der stillen Kleinstadtgasse – kein lebendes. Wesen war in ihr zu sehen – schon zu lange zu dauern; er deutete höflich an, daß es nun an der Zeit sei, den Weg fortzusetzen. So gelangten wir. denn in einen Innenhof, über den die vielen kleinen Zwiebelküppelchen der Erlöserkirche im duftigen Licht des strahlenden Junitages (kurze Zeit danach sollte der deutsch-russische Krieg ausbrechen) fast zu schweben schienen; dann ging es in einen Seitenanbau des Hauptschlosses, in dem, tadellos erhalten und geordnet, die Schätze aus tausend Jahren russischer Vergangenheit aufgehäuft waren. Auch der berühmte Uraltopas fehlte nicht, den Fürst Orlow, der Liebhaber der großen Katharina, seiner Kaiserin, geschenkt hatte, und auch die prächtige Kutsche war da, ein Geschenk ihres Erzfeindes und Bewunderers Friedrich des Großen, aus deren Rokokofensterchen die russische Herrscherin aus anhaltinischem Hause in huldvoller Bewunderung jene weltberühmt gewordenen Kulissendörfer betrachtet hatte, die ihr Freund Potemkin (sprich: Patjomkin) am kaiserlichen Karawanenwege nach der Krim hatte errichten lassen.