Von Oda Schäfer

Der Zug hielt. Ich schaute aus dem Fenster. Auf dem Bahnsteig lag ein großer grauer Stein, davor stand eine kleine weiße Tafel mit der Aufschrift "Zeuge der Eiszeit". Seit fünfzehntausend Jahren liegt der graue Stein im Alpenvorland und hat Gelegenheit gehabt, die Menschen und ihre Ameisenallüren zu beobachten. Damals, als ihn der wandernde Gletscher brutal vom hohen Fels abbrach, lebten nur wenige Menschen, und sie hausten noch in Höhlen. Bald sind wir wieder so weit...

Zeuge der Eiszeit – der Titel ist lakonischer als etwa der eines Justizrats. Zum Zeugen gehört jedoch die Aussage, stumme Zeugen sind meist zwecklos. Wer Ohren hat und nicht nur Ohrmuscheln, der hört auch die Steine reden. Kurz ehe der Zug weiterfuhr, vernahm ich durch das offene Fenster ein seltsames Raunen und Murmeln, das sich mit dem einsetzenden Räderrollen harmonisch vermischte. Es war ein Monolog des Steines. Er sprach in einer Art Trance, wie es prophetische Personen oft zu tun pflegen:

"Urmensch, Höhlenbär, Mammut, Renntier", so zitierte er das Konversationslexikon, aus dem ihm eine begeisterte Verehrerin die interessante Schilderung seines Geburtsjahrtausends vorgelesen hatte. Er feiert es ab und an, so wie wir Menschen Geburtstag feiern. "Quartär, Erlöschen der Vulkane, Urstromtäler, Fluß- und Küstenbildung, Gletscher von Skandinavien über Mitteldeutschland und von den Alpen bis zur Donau ..."

Er wurde persönlich: "Von den Alpen stamme ich her. Ich bin ein Findling. Man weiß nicht, wer meine Eltern waren. Eines Tages wurde ich vom Gletscher hier niedergelegt, als sei es die Tür eines Waisenhauses. Aber das Eis hat mich nicht in der Gletschermühle zermahlen. Die Moränen und der Schutt haben mich nicht dreihundert Meter hoch bedeckt, wie sie es mit meinen Kollegen bei Hamburg taten. Ich habe eine kräftige Konstitution, bin hart im Nehmen und... ein Überlebender. Trotzdem machte es keine Freude, zu leben. Es ist immer dasselbe, was um mich herum geschieht; einmal sind es wenige, dann gar keine – und kaum glaube ich, sie seien nun endlich ausgestorben, da wimmeln sie schön wieder tausendfach vermehrt durcheinander: diese Menschen müssen zu einer sehr niederen Art von Lebewesen gehören."

Jetzt seufzte er sogar, deutlich konnte ich es hören: "Und sie nehmen auch gar keine Vernunft an. Ihre lächerlichen Erfindungen behüten sie keineswegs vor Katastrophen, auch nicht vor denen, die sie selber entfesseln, jedesmal unter anderen Motiven, Fahnen und Sinnsprüchen. Wenn die Erde keine Eiszeit für sie bereit hat, dann sorgt ihre Wissenschaft für vollkommenen Ersatz..."

Der Zug rollte davon und verschlang die letzten Worte, die einen sehr respektlosen Rhythmus hatten. Vorher hatte er noch gemurmelt: "Vielleicht ist mein letztes Jahrtausend gezählt und ich werde zerfallen, vielleicht... ihnen ist alles zuzutrauen..."

Aber dann schlief ich ein, das Singen der Räder gab mir einen seltsamen Traum ein. Vor mir sah ich den Stein als berghohes Mammut, den kleinen Vogel auf dem Rücken – es wanderte den langen, langen Weg zum großen, großen Grab. Dort wollte es sich, bevor die Eiszeit kam, mit all den andern Mammuts zur Ruhe legen, denn es fühlte sein Ende herannahen.