j. r., Neu-Ulm

Auf der einen Donauseite Mißtrauen, auf der anderen Hoffnungen erwarteten Reichskanzler Dr. Luther mit seinem Neugliederungsausschuß dieser Tage in Ulm und Neu-Ulm. Beides war verfrüht. Die Arbeitstagung zur Vereinfachung der Ländergrenzen unter Vorsitz von Innenminister Dr. Ulrich von Baden-Württemberg als Vertreter der hoffnungsvollen Seite (die mißtrauische wurde vom bayrischen Landtagspräsidenten Dr. Hundhammer angeführt) stellte vorläufig nur Tatsachen fest.

Den Fremden erstaunt es immer wieder, daß die Donau, die hier wirklich einmal ein Stadtbild glücklich zu prägen scheint, eine Grenze, gar eine Landesgrenze bedeuten soll. Ob Napoleon im Jahre 1806 vom französischen Faible fürs Bajuwarische oder einfach von dem hübschen blauen Strich auf der Landkarte zu seiner Grenzziehung verleitet \ wurde, ist heute eine müßige Frage. Tatsache ist, daß der einstige ländliche Vorort Ulms rechts der Donau mittlerweile zu einer netten Industriestadt von 20 000 Einwohnern heranwuchs, die sich ungehindert in die weite Donauniederung ausbreiten kann, während Ulm mit seinen 87 000 Einwohnern, zwischen die Hügel der Rauhen Alb und die Donau gepreßt, nach Ausdehnungsmöglichkeiten für seine beachtlich wachsende Industrie Ausschau halten muß. Gewiß steht der Ansiedlung von Ulmer Firmen im Neu-Ulmer Gelände theoretisch nichts im Wege – nur die Steuergesetze und viele Verwaltungshindernisse. Manche ließen es sich dennoch nicht verdrießen. Und überhaupt läßt sich das Leben weder durch einen napoleonischen Spruch noch durch föderalistische Länderbelange einengen, sondern flutet fröhlich und friedlich, manchmal natürlich auch zänkisch, über die zwei von beiden Städten gemeinsam, neu erbauten Brücken. Die dritte (außer der Eisenbahnbrücke), ebenfalls gemeinsam geplant, soll im Dezember als große Umgehungsstraße dem Verkehr übergeben werden.

Daß Neu-Ulm an allen Einrichtungen des kulturell regen, traditionsträchtigen Ulm Anteil nimmt, entgilt es mit einem jährlichen Kulturbeitrag von 10 000 DM. Ulm betrachtet dies gegenüber seinen 450 000 DM, die es allein fürs Städtische Theater aufwendet, als ungenügend, auch wenn man das jährliche bayrische Volksfest und die beliebten Woaßwirscht hinzurechnet. Dennoch - die beiden Stadtoberhäupter, beide profilierte Persönlichkeiten und typenmäßig so verschieden wie ihre Rathäuser, in denen sie, nur sieben Gehminuten voneinander entfernt, regieren, das eine als glückliche Synthese zwischen Althergebrachtem und neuen Erfordernissen wiederhergestellt, das andere eben neu erbaut, modern, sachlich, nüchtern – diese beiden haben es seit sechs Jahren verstanden, sich über die unzähligen kleinen und größeren Streitfälle zu einigen und werden dies, beide wiedergewählt, sicher auch weiterhin fertigbringen. Vielleicht aber kann der "Lutherausschuß" diese Gelegenheiten, Diplomatie zu üben, auf ein Mindestmaß reduzieren.