In der Außenpolitik der großen Mächte liegen alle Karten heute offen auf dem Tisch. So müßte es also möglich sein, Realpolitik zu treiben. Statt dessen aber feiert die Politik der Illusionen immer noch Triumphe. Selbst der Zynismus, mit dem Molotow am 6. Oktober bei einem Staatsakt der Sowjetzonenrepublik die politischen Ziele Moskaus darlegte, konnte die Illusionisten in Deutschland, Frankreich und am linken Flügel der englischen Labour Party nicht erschüttern.

Molotow sagte: "Erst vor wenigen Tagen wurde ein denkwürdiger Tag – der 5. Jahrestag der Gründung der großen Volksrepublik China – begangen ... Heute begehen wir einen neuen denkwürdigen Tag: den 5. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik ... Kaum zu überschätzen ist die Bedeutung der Tatsache, daß die Deutsche Demokratische Republik auf dem Schauplatz des internationalen Geschehens so starke Stützen wie die Sowjetunion, die Volksrepublik China und das gesamte Lager des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus besitzt. Jetzt erstreckt sich dieses Lager von den Grenzen unweit des Atlantik bis zu den Küsten des Pazifik."

"Unweit des Atlantik" – allerdings, es sind noch die Bundesrepublik und Frankreich zu überrennen. Aber Molotows Formulierung zeigt deutlich, daß dies die Absicht Moskaus ist. Sie war es seit 1945. Für Moskau war Europa schon damals nur noch ein Appendix des asiatischen Kontinents. Und der Krach im Kontrollrat, der Kalte Krieg, die Spaltung der Welt begannen, als 1946 bei der Pariser Friedenskonferenz zwischen den Alliierten und Italien, Ungarn und Rumänien, der damalige amerikanische Außenminister Byrnes erklärte, zur Garantie des Friedens seien die USA bereit, vierzig Jahre lang Truppen in Europa zu unterhalten.

Den Amerikanern diesen Standort zu entziehen, war denn auch der einzige positive Vorschlag, den Molotow in seiner Rede machte: Alle Besatzungsmächte sollten sofort ihre Truppen aus der Bundesrepublik und der Sowjetunion abziehen. Was sich ereignen würde, wenn dies geschähe, liegt auf der Hand. Die Sowjetzonenrepublik würde mit ihren 80 000 Soldaten und 400 000 Polizeireservisten die Bundesrepublik in sehr kurzer Zeit "friedlich durchdringen".

Das also ist die einzige positive Maßnahme zur "Wiedervereinigung", die Molotow vorgeschlagen hat. Er hat zwar noch gesagt, daß man die "Diskussionen über freie Wahlen" fortsetzen könne. Er hat auch von seinem Europäischen Sicherheitspakt gesprochen, in den man die Bundesrepublik und das Sowjetzonenregime getrennt aufnehmen könnte. Er hat auch auf Wyschinskis Abrüstungsplan hingewiesen, der den Stand der Rüstung auf das Jahr 1953 zurückdrehen will – als die Bundesrepublik 10 000 Mann Grenzschutz und die Sowjetzone 80 000 kasernierte Soldaten hatte. Aber all dies ist in seiner Rede nur kursorisch erwähnt. Molotow weiß vermutlich, daß er die Staatsmänner des Westens mit so dürftigen Spiegelfechtereien nicht mehr bluffen kann. Und so begnügte er sich, den Illusionisten einige Brocken hinzuwerfen. Erfolg hatte er damit eigentlich – wenn man von den Kommunisten Italiens und Frankreichs absieht – nur bei den deutschen Sozialdemokraten und den deutschen Gewerkschaftsfunktionären.

Ollenhauer bekannte sich im Bundestag offen zu einer Neutralisierung eines wiedervereinigten Deutschland. Vergebens versuchte die Intelligenz der Partei, vertreten durch Carlo Schmid und Adolf Arndt, den katastrophalen Eindruck zu verwischen, den die Rede Ollenhauers gemacht hatte, indem sie von einem bündnislosen Status sprachen, so wie ihn Schweden besitze. Hätten sie vor der Debatte die Rede Molotows lesen können, wäre ihnen klar gewesen, daß ein solcher Status binnen Kürze zur Unterwerfung unter Moskau führen müsse. Unter vier Augen hatte Molotow ja schon während der Berliner Konferenz erklärt. Moskau werde nur eine ihm genehme Regierung für ein wiedervereinigtes Deutschland zulassen.

Im Reich der Illusionen bewegte sich auch der deutsche Gewerkschaftskongreß. Nahezu einstimmig – mit 385 gegen nur vier Stimmen – sprach er sich gegen jeden deutschen Wehrbeitrag aus. "solange nicht alle Verhandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, mit dem Ziel, eine Verständigung der Völker untereinander herbeizuführen und die Einheit Deutschlands wiederhergestellt ist".