Die Nachricht, daß über den Verkauf der Röchlingschen Eisen- und Stahlwerke in Völklingen an die französische Holdinggesellschaft Schneider-Creuzot verhandelt wird, mag bei manchen deutschen Lesern, die sich während der letzten Jahre allzuwenig für die Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Saargebiet interessiert hatten, eine Reaktion des Erstaunens darüber hervorgerufen haben, daß die Familie Röchling "immer noch" Eigentümer ihres Völklinger Werkes sei... Freilich ist es so, daß sich Besitzrechte und Verfügungsgewalt seit 1945 nicht mehr decken; seit diesem Jahre nämlich stehen die Röchlingwerke unter französischer Zwangsverwaltung.

Darüber hinaus hat der französische Staat 10 v. H. des Röchling-Besitzes konfisziert, den Besitzanteil jener Mitglieder der Familie Röchling, die in einem "Kricgsverbrecher"-Prozeß verurteilt worden sind; weitere 40 v. H. der GmbH.-Anteile wurden – ergebnislos – von Frankreich beansprucht, als "Entschädigung" für die "unterlassene Demontage" des Betriebes. Wenn es nun dazu kommt, daß die restlichen 90 v. H. des Röchling-Besitzes entgegen dem Willen der Saarregierung, die den Konzern als lukrative eigene wirtschaftliche "Hausmacht" (unter Beteiligung des französischen Staates) auszubauen wünscht, an einen privaten französischen Konzern übergehen – und zwar unter der Zwischenschaltung einer Schweizer Bankgruppe, um für einen Preis, der mindestens 200 Mill. Schweizer Franken betragen soll –, so ist die Familie Röchling gewiß nicht dafür zu tadeln, daß sie bestrebt war, aus dem über fast zehn Jahre hin durch französische Schuld verschleppten provisorischen Stande der Sequester-Verwaltung endlich zu dem Definitivum des Verkaufs zu kommen. Für die deutschen Interessen freilich ist es mehr als unerfreulich, daß eine Entscheidung gerade jetzt fällt, ehe die Verhandlungen über den endgültigen politischen Status des Saargebiets begonnen worden sind, geschweige denn zu einem Ergebnis geführt haben.

Geht der Röchling-Besitz jetzt ganz und gar in französische Hände über, so verbleibt als deutsches Eigentum an der Saar, nachdem eine Reihe kleineren Montanbetriebe unter französischen Mehrheitseinfluß gekommen sind, während die Kohlenzechen dort völlig unter französischer Regie stehen, nur noch das Neunkirchener Eisenwerk, an dem die Gruppe Otto Wolff gemeinsam mit der Familie J. Stumm beteiligt ist. Es wäre ja wohl zu wünschen, daß es zu einer stärkeren Einschaltung der Hohen Behörde der Monten-Union käme, um zunächst die Möglichkeit zu prüfen, ob nicht auch interessierte deutsche Gruppen vorhanden sind, die beim Verkauf des Röchling-Besitzes eine Beteiligung erwerben könnten.

Auch in Luxemburg kann man kein Interesse daran haben, daß der Eindruck entsteht, als ob die Überfremdung des deutschen Montanbesitzes und die Schaffung eines französischen Übergewichtes in der Eisen- und Stahlerzeugung Westeuropas von der Montan-Union nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert werde. Dergleichen wäre dem allseits angestrebten politisch-wirtschaftlichem Ausgleich zwischen Frankreich und Deutschland gewiß nicht förderlich. n. f.