Das Schachspiel ist seinem Wesen nach ein individueller Sport, und es wird daher seit Jahren – praktisch seit der ersten Durchführung einer "Schach-Olympiade" im Jahre 1927 – darüber diskutiert, ob eine Mannschafts-Meisterschaft überhaupt zu vertreten sei. Mehr noch: schon die Anwendung des Begriffes "Sport" auf dieses Spiel der Logik, der Intuition, des Duells auf geistiger Ebene ist umstritten. Eine umfangreiche Literatur befaßt sich mit diesem Problem, und das Schachspiel figuriert abwechselnd unter den schönen Künsten, den exakten Wissenschaften und dem Sport.

Das Mannschaftsturnier zu Amsterdam, das drei Wochen lang die stärksten Spieler der Welt in Länderteams zu je vier Spielern und zwei Ersatzspielern vereinigte, hat jedoch wieder einmal gezeigt, daß das Mannschaftsspiel durchaus zu vertreten ist. Was hier geleistet wurde, war echtes Teamwork. Das Beispiel der starken Jugoslawen beweist dies besonders eindeutig: der Mannschaftsgeist ließ diesmal offenbar zu wünschen übrig, und nicht zuletzt aus diesem Grunde gelang es ihnen nicht, den begehrten zweiten Platz hinter Rußland zu erobern. Sie mußten sich mit dem dritten Platz hinter Argentinien begnügen.

Wider Erwarten gut war das Abschneiden der deutschen Mannschaft – neben dem englischen Team die jüngste Mannschaft des Turniers. Sie erkämpfte sich noch vor den favorisierten Ungarn einen alleinigen fünften Platz. Wolfgang Unzicker, mit 29 Jahren einer der jüngsten Großmeister der Welt, war der einzige Teilnehmer, der Weltmeister Botwinnik (UdSSR) in ernste Verlustgefahr brachte. Er stand bei Abbruch seiner sensationellen Partie glatt auf Gewinn, versäumte jedoch nach Wiederaufnahme – nicht zuletzt unter dem psychologischen Druck, daß die gesamte russische Großmeistermannschaft die Stellung eine Nacht lang fieberhaft analysiert hatte – die stärkste Fortsetzung und mußte sich mit Remis begnügen. Seine weiteren Leistungen am ersten Brett der deutschen Mannschaft waren wahrhaft großmeisterlich.

Der Berliner Darga, zwanzig Jahre alt und zweiter der letzten Jugendweltmeisterschaft hinter dem jungen Argentinier Panno, bewährte sich ebenfalls in dem starken Feld internationaler Meister. Der hessische Student Joppen, der in Amsterdam sein internationales Debüt gab, erzielte das beste Einzelergebnis der Deutschen und rechtfertigte damit eindeutig seine Aufstellung, die in deutschen Schachkreisen mehrmals kritisiert wurde. Lothar Schmid (Bamberg), nach Unzicker der hoffnungsvollste deutsche Nachwuchsspieler, erzielte im Finale nur drei aus sieben und blieb damit weit unter seinem wahren Können. Sein enttäuschendes Abschneiden wirft ein bezeichnendes Licht auf das "Problem Schach", das sich in den letzten Jahren immer deutlicher abzeichnet. Es läßt sich bei diesem Spiel keine klare Trennung zwischen Professionals und Amateuren ziehen. Vor allem in den Ländern der Ostblockstaaten erfährt das Schach eine überaus starke Förderung. In Rußland zum Beispiel wird jeder Junge, der besondere Anlagen für das Schachspiel zeigt, sogleich in ein besonderes Internat gebracht, wo das Schachspiel unter den Lehrfächern einen hervorragenden Platz einnimmt. Kein Wunder, daß die Russen mit einem Team antreten konnten, das bis zum letzten Platz mit international bekannten Großmeistern besetzt war. Auch Argentinien tut viel für seine Schachmeister, allerdings von privater Seite. Diese Spieler treten jedes Turnier ausgeruht und ohne Ablenkung an, während die Meister anderer Länder neben hartem Training ihren Beruf oder ihr Studium weiterführen müssen. Unter diesem Gesichtspunkt ist das Abschneiden der deutschen Mannschaft unter einer Vielzahl staatlich oder privat geförderter Berufsspieler wirklich erfreulich. Auch der Hamburger Pfeiffer und Mannschaftskapitän Rellstab zeigten gute, sichere Leistungen.

Der Endstand der Finalegruppe: Rußland 34, Argentinien 27, Jugoslawien 26 1/2, Tschechoslowakei 24 1/2, Deutschland 23 1/2, Ungarn 23, Israel 22, Holland 21, Bulgarien und England je 17, Schweden 15, Island 13 1/2. Frits Barkhuis