mein Lebtag Madame Labrasse. Es war keine schlechte Zeit. Labrasse war ein vorzüglicher Mann, wenn unsere Ehe auch ganz anders war, als meine Erwartungen " Sie hatte als Mädchen genau gewußt, was sie sich wünschte, so klar sogar, daß sie es hatte aufschreiben können. Mit fester, kleiner Hand hatte die Siebzehnjährige eine Beschreibung ihres Bräutigams ins Tagebuch eingetragen. Sein Bild, ein auf braunen Karton aufgezogenes Photo, lehnte vor ihr am Schreibgeschirr "Arthur", schrieb sie, "hat weiche, dunkle Locken, und seine aquamarinblauen Augen überraschen mich darunter immer wieder. Küßt er mich, versuche ich oft, das Bewußtsein zu verlieren, und manchmal, wenn ich den Atem anhalte, komme ich bis an den Rand einer leichten Ohnmacht. Aber es gelingt mir nicht ganz.

Wie sollte es auch? Und was bliebe mir sonst für die Ehe, durch die ich auf seinen Armen im Rausche schweben will. Er_ist_so mächtig!" So war sie, eine kluge Jungfrau, bereit gewesen, den Bräutigam zu empfangen. Aber sie hatte die Lampe, mit öl wohl versorgt, nicht nahe an sein Gesicht gebracht, hatte nicht den weich geschwungenen Mund beleuchtet, der ihrem glich, und nicht die verwundbar weite Stirn. Und beide hatten sie sich verkrochen vor der Macht der Gefahren, und die Ohnmacht war nie gekommen "Ich habe das Bild bei mir, das damals auf meinem Schreibtisch stand", sagte sie und hob die große Handtasche auf ihren Schoß, die nun eine ganze Weile ruhig zwischen unseren Füßen gestanden hatte. Wir flogen schon über dem gelben Asien. Ganz heimlich fühlte sie erst nach dem Schlüssel und ging dann langsam mit der Hand dem flachen Taschenboden nach.

Sie hatte das Bild des jungen Arthur Labrasse damals nicht gefunden.

"Was machen Sie hier in England?", fragte ich, als ich sie nun in Windsor wiedertraf. Das Serviermädchen brachte ihr eben ein Stück Torte, und sie betrachtete es durch die Brille, als müsse etwas entziffert werden "Ich reise nur so", sagte sie, "zu meinem Vergnügen. Es läßt mir keine Ruhe zu Hause. Erzählte ich Ihnen damals, daß mein Mann mich wohlversorgt hinterließ?" "Ja, Sie besaßen doch eine Seidenfabrik in Lyon Sie freute sich über mein gutes Gedächtnis. "Noch heute", sagte sie, "lasse ich meine Blusen aus der Seide arbeiten, die e r für die beste hielt", und sie tippte mit dem linken Zeigefinger, andem eben ein wenig Buttercreme hängengeblieben war, an ihre Brust. Wir tranken unseren Tee und dann gingen, wir zum Schloß hinüber. Unterwegs kamen wir an einem Lädchen vorbei, dessen Schaufenster mit Bildern der königlichen Familie gefüllt war, die hier verkauft werden wie an Wallfahrtsstätten die Bilder der Ortsheiligen. 1Durch das Gittertor in den ersten Innehhof einzutreten, war nicht so erhaben schaurig, wie ich gehofft hatte. Vielleicht lag das an Madame Labrasse mit ihren vielen kleinen Bewegungen. Wir wandten uns nach links zum Kreuzgang. Aus der St. Georges Kapelle kamen Internatiknaben in Chorhemden, und wir blieben stehen, um den Zug passieren zu lassen.

Frau Labrasse benutzte die Zeit und suchte etwas in ihrer Handtasche.

"Hier brauchen Sie den Schlüssel nicht", sagte ich und zwinkerte ihr zu ch suche mein Taschentuch", flüsterte sie, "Sie wissen ja, daß Erhabenes mich zu rühren pflegt " Sie hatte kleine Tränenperlen in den Augenwinkeln, winzige, die stehenbleiben und nicht verfließen. Ich hatte sie ebenso in Indien gesehen, als wir vor einem Aussätzigen standen, der im Staube betete.

Sie fand das Taschentuch anscheinend nicht. Ihre Hand machte in der Tasche einen unwilligen Ruck und suchte in anderer Richtung weiter. Flach tastete sie am Boden entlang, fuhr hin und zurück und schob sich schließlich mit dem Har drücken gegen das Außenleder, damit die Finger unter all die Gegenstände fassen konnten, die mit Madame um die Welt reisten.