Die Angst ist also da, mag sie sich noch so gut unter der Schutzschicht eines perfektionierten Lebensstandards verbergen. Sie drückt sich am deutlichsten in der Ahnung aus, daß die Verbesserung der äußeren Welt keine wirkliche Lösung bietet. Nicht alles ist Apathie, manches ist auch die vage Erkenntnis, daß der Fortschritt, in dessen Zeichen unsere Geschlechter aufgestiegen sind, nicht ausreicht, um das tiefsitzende Gefühl der Unzulänglichkeit zu bannen. Den beispiellosen sozialen Vorkehrungen, die fast schon an Demagogie grenzen, steht die quälende Besorgnis gegenüber, daß alles, was unternommen wird, nicht gerügt, um den Menschen ein Gefühl der Dauerhaftigkeit zu geben. Mit anderen Worten, Fürsorge, Wohlfahrt und soziale Verbesserungen, die einst als Dienst am Menschen aufkamen und ein unauslöslicher Bestandteil des öffentlichen Handelns geworden sind, treffen nicht den Kern der heutigen Nöte and vermögen den Menschen wieder Sicherheit noch Ruhe zu geben.

Alle diese Anstrengungen sind selbstverständlich geworden, aber sie haben nicht mehr die zentrale Bedeutung von einst, weil die Sorge sich in ganz anderen Seelenschichten angesiedelt hat. Ei ist unmöglich, heute schon mit Genauigkeit zu sagen, worauf diese Sorge gerichtet ist. Sicher ist, daß sie über den materiellen Zustand hinausgeht und um. die eigentliche Bestimmung des Menschen kreist. Die Untergangsgefühle, denen der heutige Mensch sich so gerne hingibt, stammen also aus der unbestimmten, halbdunklen Einsicht, daß der ungeheure Apparat, den wir uns aufgebaut haben, auf unsere eigentlichen Nöte gar nicht anwendbar ist. Wir haben die Aussichten durchdacht und sind zu der Überzeugung gekommen, daß der Untergang garantiert ist. Trotzdem planen und bauen wir weiter. Wir kümmern uns nicht um Politik und religiöse Fragen, da doch "alles keinen Zweck hat", aber wir sind weit davon entfernt, uns abends – wie König Philipp – im Sterbekleide zur Ruhe zu legen. Die Untergangsstimmung taucht in der Geschichte der Völker immer wieder auf, sie ist kein Produkt unserer Zeitläufte. Aber sie war früher mit einer phantastischen Steigerung der Sterbevorbereitungen verbunden, mit einer Entbindung seelischer Kräfte und völliger Hingabe an die Stunde des Gerichtes. Die Menschen gewannen in ihren apokalyptischen Gewißheiten eine Fähigkeit, zu träumen, zu beten und in Zungen zu reden, die der Alltag nicht hatte aufkommen lassen. Die unverbesserlichen Skeptiker verhielten sich nicht minder würdig, sie nahmen festlichen Abschied von ihren Kunstwerken und den sonstigen Schönheiten des Lebens, deren Farben strahlender wurden, deren Raffinement sich zur Vollendung steigerte. Die Bewußtheit des Genießers wuchs zur Kunst, die Klarheit des Philosophen steigerte sich zur Universalität und die Begeisterung des Künstlers gewann die hohe Form jenes lichten Rausches, in dem alle Dinge unvergänglich erscheinen. So verbrachten einst absinkende Kulturen, die ihr Ende voraussahen und schon den Tritt der nachrückenden barbarischen Erben vernahmen, ihre letzten Tage. Die Freuden der Sinne sublimierten sich, die geistigen Leistungen nahmen die Form schöner Spiele an und brachten es zu einer Vielfalt, die den lebensgewissen Geschlechtern verschlossen gewesen war.

Unsere Untergangsregungen sind nicht von solchen Verfeinerungen begleitet, im Gegenteil, die Vervollkommnung des Apparates schließt eine Barbarisierung ein, die niemand von uns offen zu verachten wagt, weil alle. Massenregungen einen besonderen Schutz genießen. Das also sind die müden Gestalten, die dem Ende zustreben und wehmütig stolz darauf sind, die Letzten zu sein? Erscheinen sie nicht eher als eine Zusammenrottung energischer und zielsicherer Leute, die sich den Weg durchs Leben mit den Ellbogen bahnen und ihren großen Appetit auf die Güter des Lebens nicht verbergen können?

Zugegeben, daß diese Lebensgüter nicht gerade exquisit sind und kein sehr individuelles Gepräge haben. Von Erlesenheit und ausgekochtem Sinn für neue Reize ist da nichts zu spüren, alle wollen sie im Grunde dasselbe besitzen und genießen. Der Genuß dünkt sie erst vollkommen, wenn sie ihn mit allen anderen Menschen teilen. Sie wählen alle die gleichen Farben, Getränke, Haarschnitte und Zeitvertreibe, die Freuden und Zerstreuungen scheinen aus einer einzigen Stanzmaschine gefallen zu sein. Nur was alle tun, erschreckt niemanden. Sie sind nicht lasterhaft noch verderbt, ihre einzige Ausschweifung ist das Trinken, weil man es in der Masse betreiben kann. Sie suchen die Bäder nicht auf, um den Zauber der Erschlaffung zu genießen, sondern um eine einheitliche Hautfarbe zu gewinnen, die eine individuell erworbene Gesundheit vortäuscht. Die Bräunung, die einst dem einsamen Bergsteiger oder Waldläufer vorbehalten war, wird jetzt in langen Reihen, im dichtesten Gedränge erworben. Sollte aus den Augen noch eine schwache Regung der Persönlichkeit herausschauen, so werden sie mit der Sonnenbrille verdeckt. Ein Geschlecht, das nach Hautcreme riecht, sich nach Vitamintabellen ernährt und mit zwanzig. Jahren heiratet, das mit optischen Eindrücken so überschwemmt wird, daß es beginnt, das Sprechen zu verlernen, dessen Ausdrucksmöglichkeiten auf einen kleinen (vom Film bezogenen) Vorrat an Gesten und auf wenige hundert Worte zusammengeschrumpft ist, dies Geschlecht, dem Hygiene, Einheitskleidung, Verkehrslärm und Gedränge zur zweiten Natur geworden sind – man kann sich in der Tat nicht vorstellen, daß jemand Lust haben sollte, dies Geschlecht als ermüdet und in den Farben des Untergangs prahlend zu bezeichnen. Sein Anblick reizt zu der Vermutung, daß es seinen Abmarsch in die Barbarei mit einem Vergnügen vollzieht, als gelte es, Schleunigst ins Paradies zu kommen.

Wer wollte freilich leugnen, daß es sich um eine höchst komfortable und mit tausend praktischen Verbesserungen ausgestattete Barbarei handelt, deren Reichtum, an Konsumgütern manchen zu dem Glauben verleitete, hier handle es sich um eine gehobene und des Menschen würdigere Lebensform. – Eine Barbarei aber bleibt es dennoch, denn was sie an Annehmlichkeiten bietet, ist nicht gewählt, sondem akzeptiert. Aus dem Produktionsapparatfällen Verbrauchsartikel, Gewohnheiten, Trachten, Genußmittel, Spiele und sogar Denkweisen wie aus einem Automaten, und die Menschen müssen diese Güter in Gebrauch nehmen, ob sie wollen oder nicht. Niemand fragte sie nach ihren echten Bedürfnissen, Träumen oder Glücksvorstellungen, die Versorgung geht wie ein Gewaltakt vor sich. Dem Verbraucher genügt es völlig, wenn er gefragt wird, ob das Ding blau oder grün sein soll. Über das Ding selbst wird nicht diskutiert. Wahrlich, dies ist kein Geschlecht von müden Skeptikern, die ihr Urteil an unzähligen Genüssen geschult haben und nun, am Ende ihrer Laufbahn als Volk, imstande sind, in der Gesundheit und Natürlichkeit einen Haken zu finden und das verwegene Abenteuer des Menschseins in äußerster Klarheit des Bewußtseins auszukosten.