g. w., Berlin

Die 48jährige Lore Staimer, Wilhelm Piecks Tochter und jüngste Staatssekretärin im Ministerium für innerdeutschen und Außenhandel, jagt von Konferenz zu Konferenz. Seit Westberlins Zöllner einen neuen Schlag gegen den Ost-West-Schmuggel geführt haben, fürchtet Volkspolizeigeneral Staimers Frau ein Versiegen der Quelle, die die ins Wanken geratene Wirtschaftskapazität der Sowjetzone stabilisieren soll. Schmuggel mit Kaffee, Nylons oder Sprit ist nämlich – trotz Senkung der Kaffeesteuer in der Bundesrepublik – immer noch eine wesentliche Westmarkeinnahme, auf die Lore Staimers Dezernat zur Schmuggelbekämpfung nicht verzichten kann. Die Zone braucht Stahl und anderes Rüstungsmaterial und kann dieses nur gegen "harte" Währung beziehen. Im Aufspüren von DM-Beträgen leisten Lore und ihr Ministerium wertvolle Hilfe für die roten Machthaber. Die "Deutsche Demokratische Republik" importiert über Rostock monatlich im Durchschnitt 20 000 Sack brasilianischen Rohkaffee à 60 kg. Über die staatliche Planung werden diese 1,2 Millionen Kilo an die vier Hauptlager in Ostberlin gegeben. Die Verdienstspanne – abzüglich der hohen Prozente für die Schmuggler – ist immerhin im Monat rund 5 Millionen DM, trotz des Schwundes beim Rösten. Nylons und Sprit sind die anderen Hauptfaktoren. Wilhelm Piecks Tochter hat zuverlässige "Kader" geschaffen, die staatliche Unterstützung bekommen, wenn es gilt, den Westen mit importierten Waren aus der sowjetischen Wirtschaftssphäre zu überschwemmen. Berlin ist für diese Aktion ein ideales Dorado, die 132 Sektorenübergänge sind für einen staatlich gelenkten Großschmuggel geradezu prädestiniert. In vier Lagern in Ostberlin – Berkerbrücker Steig 14 (Kaffee), Schlegelstraße 9 (Kaffee und Nylon), Lichtenberger Straße 103–105 (Kaffee) und Storkower Straße 23 (Sprit) wird die Ware gehortet, verteilt, kontrolliert und abgerechnet. Lores Mann, General Staimer, schickt häufig seine Vopos, um sich davon zu überzeugen, daß die Schmuggelware seiner Frau auch nur zum "Westen" geliefert wird und die Schmuggler nicht versuchen, Waren mit Aufschlag im Ostsektor gegen Ostmark zu verkaufen. Wer das tut, kann nicht mit der Gnade der Gerichte rechnen: Lores Schmuggler müssen "linientreu" sein!

Mit der Menschenschwemme von 1945 kamen zahlreiche Personen dunkler Herkunft zum großen Ausverkauf der ausgepowerten Berliner. Sie bilden noch heute den Stamm einer Schmuggelorganisation, die nun unter staatlicher Lenkung arbeitet. Damals begannen die Sowjets, knapp an Dollars, verschiedenen Leuten für beide Teile vorteilhafte Verträge anzubieten. Man verteilte das Schmuggelmonopol und ließ Unterlizenzen ausgeben. Das ostzonale Ministerium für Handel und Versorgung lieferte preisgünstig die ausdrücklich nur für den Westen bestimmte Ware. Nicht einkalkuliert war in diesem Spiel jedoch der Vertrauensbruch der Schmuggler, die am Kaffeesegen – über Rostock nach Ostberlin gebracht – ohne Lizenz mitscheffelten. Trotz strikten Verbotes gelangte immer mehr Konterbande in die Pieck-Grotewohl-Republik. Man intervenierte bei Lore Staimer, die als dea ex machina den erlösenden Gedanken hatte. Man ließ erst einmal die unerwünschten Schmuggler einsperren, verurteilte sie vor Ostberliner Gerichten wegen "Wirtschaftsvergehens" zu empfindlichen Zuchthausstrafen, und gab dann seinerseits staatliche Lizenzen an die zuverlässigen Leute aus. Aber Bawnik und Feder, zwei der Bandenführer, mißtrauten dem Handelsministerium. Nach erregten Auseinandersetzungen mit Lore Staimer zog Bawnik das Asyl in der Schweiz vor und Adjutant Feder folgte einige Zeit später. Seitdem sind die Gerüchte nicht verstummt, daß Lore dem Feder in die Schweiz "aus persönlichen Gründen" nachfolgte, von Vater Pieck aber schnellstens über den SSD zurückgepfiffen wurde.

Neue Namen tauchten in Ostberlin auf: Kaufmann Kowalski, Mordko Szpidbaum oder Otto Teschendorff, der uneingeschränkte "Kaffeekönig von Steglitz". Gegen diese Leute richtete sich das Augenmerk der westdeutschen Zöllner. Während Szpidbaum und Kowalski mit etlichen kleinen und großen Schmugglern bereits in Westberliner Gefängnissen sitzen, ist die Jagd auf Otto Teschendorff bisher erfolglos geblieben. Beim letzten Schlag der Zollfahndung konnte nur der Hut des Kaffeekönigs ergattert werden, der schnelle Otto verschwand im Ostsektor. In der Schlegelstraße bekam er von Lore Staimer neue "organisatorische Aufgaben".

Im Ostsektor halten die Schmuggler wie Pech und Schwefel zusammen, und sollten Unberufene einen Blick in die vier Lager zu tun versuchen, schickt Staimer sofort seine Vopos. Genaue Klingelzeichen, Hupsignale oder Klopfzeichen bewirken, daß sich die großen Tore, die die Lager hermetisch absperren, öffnen. Die Gewohnheit, sich die Nummernschilder der Schmugglerautos zu merken, hat sich als völliger Fehlschlag erwiesen, da die Beteiligten kaschierte Nummern führen und diese ständig wechseln. Nur durch Zufall erfuhr "Onkel Ernst", der Chef der Schlegelstraße, daß er durch einen Opel Kapitän mit der Westberliner Nummer KB 15 45 beschattet wurde. Daß diesem Wagen ausgerechnet am Bahnhof Friedrichstraße das Benzin ausging und sich der Ostberliner Tankwart weigerte, den angeblichen Westberlinern streng rationiertes Benzin zu geben, bestätigte "Onkel Ernst" seinen Verdacht, daß man auch akkreditierten Schmugglern nicht ganz traut. Die beiden Insassen des KB .15 45 legitimierten sich nämlich als Beamte des SSD, um Benzin zur Weiterfahrt zu erhalten. Überhaupt spielen die Westberliner. Nummern eine seltsame Rolle im ostzonalen Staatsschmuggel. Von hundert in den Lagern einfahrenden Wagen führen 80 Prozent Westberliner Nummern oder Bundesrepublikkennzeichen! Aber nur ganz selten findet man diese Nummer im Verzeichnis des Westberliner Verkehrsamtes, oder der Besitzer der wirklichen Nummer weiß nicht von deren Benutzung durch Schmuggelorganisationen.

Übersättigt mit unversteuerten östlichen Produkten kann der Westberliner Schwarzmarkt natürlich nicht mehr alles schlucken. Darum wurden von der Schlegelstraße neue Pläne gefaßt, den Staatsschmuggel auch auf das Interzonengeschäft auszudehnen. Das klappte so großartig, daß Lore Staimer schon einige Millionen DM an ihr Ministerium abführen konnte. Geht einmal ein Geschäft schief und werden die westdeutschen Hehler stutzig, werden die Schmugglerfirmen umgetauft. Mit den alten Leuten wird eine neue "Firma" gegründet, und auf Regierungsdruck wird es keine Justiz der Zone wagen, Anklage wegen "betrügerischen Konkurses" zu erheben. Seit einiger Zeit hat sich Westberlins Staatsanwaltschaft dazu entschlossen, die vielen Schwarzhändler durch öffentliche Anprangerung bekanntzugeben. Meistens aber erwischt man nur die Hilfstruppen der Großen, da die Chefs der vier Lager unerkannt bleiben und den Übergang über die Sektorengrenze nicht wagen.