In einer Artikelserie über die Sowjetunion hat der kürzlich aus Moskau nach Amerika zurückgekehrte Korrespondent der New York Times, Harrison E. Salisbury, sich auch mit dem Verhältnis zwischen der Sowjetunion und Rotchina beschäftigt. Er schildert dabei aus eigener Beobachtung, wie sich der chinesische Ministerpräsident Tschou En-lai verhielt, als er auf dem Rückweg von der für ihn so erfolgreichen Genfer Konferenz in Moskau Station machte. Tschou sei damals gegen Malenkow respektvoll und gegen Molotow höflich gewesen, habe – aber anderen sowjetischen Würdenträgern bissige Bosheiten gesagt. Besonders habe er während eines Banketts im Spiridonowka-Palais den Handelsminister Mikojan und den Spezialisten für die Schwerindustrie, Kaganowitsch, aufs Korn genommen, wobei er sich wohl der Taktlosigkeiten erinnert haben mag, mit denen er 18 Monate zuvor im gleichen Palais von Mikojan und Kaganowitsch bei den einmaligen Wirtschaftsverhandlungen geärgert worden war.

Nach der Darstellung Salisburys, der selbst bei dem Empfang anwesend war, habe sich Tschou der englischen Sprache bedient. Auf den Hinweis seiner beiden Gesprächspartner, sie verstünden diese Sprache nicht, habe Tschou geantwortet, er müsse leider auch weiterhin Englisch sprechen, da sich keiner von ihnen bemüht hätte, die chinesische Sprache zu erlernen. Für den sowjetischen Handelsminister, der so viele Verhandlungen mit den Chinesen geführt habe, sei es ohnehin hohe Zeit, Chinesisch zu lernen. Er, Tschou, habe sich ja auch russische Sprachkenntnisse angeeignet. Das bewies er gleich durch einige russische Sätze, um anschließend Mikojan auf englisch zu fragen, welche Vorschläge er für die Erlernung derchinesischen Sprache machen könne. Als Mikojan antwortete, Chinesisch sei eine sehr schwere Sprache, entgegnete Tschou: "Nicht schwieriger als russisch für einen Chinesen. Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, morgen um 10 Uhr vormittags in die chinesische Botschaft zu kommen, werde ich persönlich dafür sorgen, daß Sie Ihre erste Unterrichtsstunde erhalten!" Dem Versuch Kaganowitschs, seinem bedrängten Freund Mikojan dadurch zur Hilfe zu kommen, daß er seinerseits die Schwierigkeit der chinesischen Sprache unterstrich, begegnete Tschou mit den Worten: "Es gibt für Sie beide keine Entschuldigung."

Salisbury sieht ein weiteres Anzeichen für eine gewisse Abkühlung des chinesisch-sowjetischen Verhältnisses der Verbesserung der sowjetisch-indischen Beziehungen, auf die man in Moskau seit dem Auftreten Rotchinas auf dem internationalen Parkett als eine Art Rückversicherung größten Wert legt. Auch stellt er fest, daß der rotchinesische Botschafter oft auffallend lange von Moskau abwesend ist, was bei Staaten, die so sehr auf das Protokoll bedacht sind, wie die Sowjetunion und China, nur politisch gedeutet werden könne. Der amerikanische Journalist nimmt schließlich auf eine Bemerkung Molotows gegenüber der von Attlee geführten Delegation der britischen Arbeiterpartei Bezug, in der der sowjetische Außenminister die Hoffnung aussprach, daß die britische Delegation nicht beabsichtige, die chinesisch-britischen Beziehungen auf Kosten des chinesisch-russischen Verhältnisses zu verbessern. "Wenn Herr Molotow", so schreibt Salisbury, "vollständig von der stählernen Festigkeit der russisch-chinesischen Allianz überzeugt wäre, dann hätte er wohl kaum eine derartige Bemerkung gemacht." E. K.