Wir haben uns ja damals auch mit hundert Mark im Monat durchgehungert‘, sagte ein sehr berühmter Professor, als wieder einmal von der Not des Universitätsnachwuchses die Rede war. Er mußte sich von seiner Frau belehren lassen, daß sich seit seiner Jugend die Preise verfünffacht hätten.

Inzwischen haben sich die Verhältnisse allerdings auch für den Nachwuchs des Lehrkörpers an den Universitäten gebessert. Es dürfte kaum noch Menschen geben, die nach ihrem Examen ihre gesamte Arbeitskraft für 100 Mark der Universität überlassen. Gleichwohl arbeiten dort auch heute noch viele 25- bis 30jährige Akademiker unter materiellen Bedingungen, die sich kein 21jähriger Hilfsarbeiter gefallen lassen würde. Sie leisten dabei eine Arbeit, die ohne neunjährigen Besuch einer höheren Schule und ohne vier- bis sechsjähriges, mit überdurchschnittlichem Erfolg abgeschlossenes Studium nicht zu bewältigen wäre.

Ein planmäßig angestellter Assistent verdient an den meisten Hochschulen heute immerhin monatlich rund 750 DM brutto, in Nordrhein-Westfalen etwas mehr. Das ist soviel wie der Lohn eines Spezialarbeiters, zum Beispiel eines Drahtwalzers. Aber das bedeutet nicht, daß er sich dasselbe leisten könnte wie ein Spitzenverdiener der Arbeiterschaft. Ein Wissenschaftler hat nämlich manche Ausgaben, auf die ein Arbeiter mit Recht verzichtet. Außerdem wird sein Lebensstandard in der Regel überschattet von einer Vergangenheit, in der es ihm sehr viel schlechter ging. Er hat abnormen Nachholbedarf oder ganz schlicht: Schulden.

Die planmäßige Assistentur kann heute nicht mehr als die unterste Stufe einer wissenschaftlichen Laufbahn betrachtet werden. Seit langer Zeit sind die den Assistenten zufallenden Aufgaben gewachsen: Versorgung der Institutsbibliotheken, Seminarbetrieb, Studienbetreuung, wachsende Organisationsaufgaben der Forschung – all das hat dazu geführt, daß viele wissenschaftlich ausgebildete Hilfskräfte zusätzlich verwendet werden. Ohne diese Arbeitskräfte kann heute keine Universität auskommen. Aber anstatt die Zahl der Assistentenstellen kräftig zu vermehren, wurstelte man sich mit Behelfslösungen durch: man schuf unterbezahlte Hilfsassistentenstellen, schmale Stipendien, deren Empfänger neben ihrer Forschungsarbeit dem Professor zur Hand gehen müssen, oder man stellte kleine Beträge für das Aufräumen der Bibliotheken und ähnliche Arbeiten zur Verfügung. Dabei blieben die Assistenten dennoch mit Verwaltungsarbeiten derart überlastet, daß ihre eigene wissenschaftliche Arbeit ebenso wie die Studienbetreuung der Studenten darunter leidet.

Im Kielwasser des Professors

Das Entscheidende bleibt, daß fast jeder, der auf eine Hochschullaufbahn hinstrebt, mit einigen sehr bitteren Jahren rechnen muß, deren Ende kaum abzusehen ist. Denn nur für einen Teil dieser wissenschaftlichen Hilfskräfte kann sich der schmaler werdende Weg nach oben öffnen. Kommt es auf solche Weise zu der Auswahl der Besten? Leider nicht. Ob ein junger Mann an dem ursprünglichen Plan, Hochschullehrer zu werden, solange festhält, bis er planmäßiger Assistent wird, richtet sich nur zu einem geringen Teil danach, ob er sich wissenschaftlich etwas zutraut, sondern ob er damit rechnet, daß seine Fähigkeiten auch anerkannt werden, und ob man ihm deshalb auch weiterhilft. Das schließt wiederum ein, daß man ihm weiterhelfen kann. Dies ist aber vom Zufall abhängig: ob beispielsweise in absehbarer Zeit eine bestimmte Stelle frei wird, ob ein Professor, von dem man geschätzt wird, anderswo eine Professur erhält und einen Assistenten mitbringen kann, ob das Kultusministerium endlich eine seit Jahren beantragte Stelle bewilligt und anderes mehr.

Wenn aber der bisherige Assistent, auf dessen Stelle man lauert, wider Erwarten eine Diätendozentur nicht bekommt, wenn der Professor sich eines Tages entschließt, den Ruf an die andere Universität nicht anzunehmen, wenn das Kultusministerium der Ansicht ist, es müsse doch noch mehr sparen, dann ist der seit Jahren wartende Hilfsassistent der letzte, den die Hunde beißen. Und dann ist es am besten, er entschließt sich sofort, der Universität den Rücken zu kehren. Denn es ist äußerst unwahrscheinlich, daß sich auf Grund einer anderen neuen Konstellation nochmals eine günstige Chance bietet. Ein junger Wissenschaftler hat nämlich nur dann Aussichten, wenn er sich auf einen, auf seinen Professor festlegt, das heißt aber, daß er sich auf das Spezialgebiet seines Professors spezialisiert oder wenigstens in seinen Bahnen denkt. Über einen jungen Wissenschaftler spricht man nicht als Herrn Dr. Müller, der dies oder jenes kann, sondern als einen Schüler von Professor X. Er ist abgestempelt, er ist festgelegt. Wenn die Hoffnungen, die er auf seinen Professor gesetzt hat, sich nun als trügerisch erweisen, dann ist es so gut wie ausgeschlossen, zu einem anderen Professor überzugehen, selbst wenn sich dieser mit ähnlichen Dingen beschäftigt. Denn dieser andere hat ja selbst schon mehrere junge Leute am Rockschoß, denen er verständlicherweise immer noch lieber weiterhilft, als ausgerechnet einem Schüler des Professors X, mit dem er im Zweifelsfall sogar verfeindet ist.